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Eintägige Exkursion 2008: Mit einem Zug ins Grosse - Alfred Eschers Zürich

Getreu dem Reisemotto „Mit einem Zug ins Grosse – Alfred Eschers Zürich“ hatte sich die Reiseleitung entschlossen, dieses Jahr den Transport der munteren Reiseschar unseren meistens pünktlichen Staatsbahnen zu überantworten. Und siehe da: Rechtzeitig und wie vereinbart trafen sich die 50 Teilnehmenden in der grossen Bahnhofshalle. Niki de Saint Phalles von der Decke baumelnder, draller Engel versprach umfassend Schutzgeleit gegen allfälliges grossstädtisches Unbill.

Der zur ehernen Tradition gewordene Startkaffee wurde zwecks Einstimmung ins Tagesthema in der Nachbarschaft zum Paradeplatz eingenommen. Dies bot unserem Referenten, Herrn Prof. Joseph Jung, die Gelegenheit, sich in lockerem Rahmen mit seinen Anvertrauten der nächsten Stunden bekannt zu machen.

So ging’s denn los, quer über Trottoirs und Tramschienen, stets wohlversorgt mit noch nie gehörten Details zu Geschichte und Werdegang dieses Stadtteils. Ja, diese Zürcher Goldmeile, auch Bahnhofstrasse genannt: der Boulevard Haussmann schenkte die Idee, der Fröschengraben erzwang die Symmetrie – so etwas konnte nur in einem Knick enden. Ein Kurzbesuch bei der Credit Suisse, der Nachfolgerin der von Escher zwecks Finanzierung des Eisenbahnbaues gegründeten Schweizerischen Kreditanstalt, versöhnte wieder mit dem Malheur. Diese imposante Gründerbaute, deren Entstehungsgeschichte anschaulich gemacht wurde durch die Ausführungen von Prof. Jung, beeindruckte durch den Reichtum an mit Liebe ausgeführten Details, ihre Zweckmässigkeit und ihre auf unerschütterlichen Zukunftsglauben gegründete Grösse. Das Erdgeschoss wurde leider kürzlich in eine Shopping-Mall umgebaut; die sich ehemals dort befindlichen Bargeldschalter wurden aufgehoben, damals, als die Chefs glaubten, auf Kleinkunden nicht mehr angewiesen zu sein (was der erste Präsident wohl dazu gesagt hätte...).

Als nächstes empfing uns, eingebettet in einen wunderschönen Park, einer der Glanzpunkte des Tages: das Belvoir! Von Eschers Vater in der dazumal noch ländlichen Gemeinde Enge als permanenter Wohnsitz errichtet – ein demonstrativeres Wegrücken vom ungeliebten städtischen Geldadel und Patriziat lässt sich kaum denken. Welch zauberhafte Pracht, „klotzen, nicht kleckern“ – aber mit Verstand und sicherem Stil! Kaum vorstellbar, dass gerade hier, in dieser Idylle, Escher vom Schicksal eingeholt wurde! Der Referent erweckte in einer selten anzutreffenden Brillanz des Vortrags die Geschichte von Eschers Aufstieg und Fall zu einem lebendigen Schauspiel. Eine einzigartige Existenz breitete sich da vor uns aus; etwas Fremdes, ja fast antik titanisch zu Nennendes. Als hätten die Generationen vor ihm unbewusst nur darauf hingewirkt, in ihr die Vollendung ihrer Ideale zu erschaffen. Gleichsam der Unerbittlichkeit einer antiken Tragödie entsprechend das Ende: krank, verkannt, vereinsamt und wohl zutiefst verbittert durchlebte der Hausherr hier seine letzte Lebensphase. Zum Abschluss des Vortrags ein nachdenklicher Blick vom Balkon. Die einstigen Bewohner genossen von hier ein traumhaftes Panorama der fernen Berge und des Sees, heute verdecken prächtige, hohe Bäume die einmalige Aussicht und (gnädigerweise) den Anblick der Beton gewordenen Vision einer bedingungslos zukunftsgläubigen Epoche. Ein bestens mundendes Mittagessen im noblen Salon ging nur zu schnell vorüber; das Diskussionsthema war gegeben.

Per Bus wurden wir zur ETH chauffiert, einem Schwerpunkt unserer Exkursion und von Eschers Leben. In den Bibliotheks- und Archivräumen wurden wir durch die bestens versierten Herren Rudolf Mumenthaler, Michael Gasser und Christian Huber mit der Entstehungsgeschichte ihrer Institution wort- und bildreich vertraut gemacht.

Anhand zahlreicher, extra für den Historischen Verein aussagekräftig zusammengestellter Originaldokumente, Pläne und Fotografien konnte man sich ein höchst lebendiges Bild der Gründungsturbulenzen der ETH machen. Die Phasen des Wachstums, vom relativ bescheidenen Anfang bis zur heutigen Weltgeltung, konnten anhand der hervorragenden Unterlagen und Beiträge der Gruppenführer wie im Zeitraffer nachvollzogen werden. Nachhaltig beeindruckt versammelte sich die Teilnehmerschar im Anschluss auf der Aussichtsterrasse, bereit zur Talfahrt mit dem guten alten Polybähnli – welches dann allerdings, da Samstag, nicht in Betrieb war. Es fanden sich aber trotzdem alle unversehrt am Ziel, dem HB ein, denn der afternoon-coffee war angekündigt. In der Haupthalle, dort wo bis kurz vor der Landi 39 noch fauchende Züge ihre Fracht entluden, befanden sich anno dazumal die Wartsäle Ier–IIIer Klasse. In „modernen“ Zeiten, wo ja niemand mehr Zeit zum Warten hat, wurden diese umgewandelt in Läden und Restaurants mit und ohne Klasse, in einem mit hielt man eine Tasse lang Rast, gespannt auf das Finale des Ausflugs.

Dieses hob nun an in der Person von Dr. Rudolf Röttinger, einem wahren Cicerone. Vom Denkmal auf dem Vorplatz bis tief in die Unterwelt des permanent sich im Umbau befindenden „Bahnhofs für morgen“ führte er seiner Gruppe mit Bravour vor Augen, wie die drei tragenden Säulen von Eschers Vision, nämlich das Wissen der Hochschule, die Ankurbelung der Wirtschaft durch den Bahnverkehr und das Kapital der Banken, an diesem Orte in eindringlicher Ausprägung zur Realität wurden. Von den Rolltreppen wieder in die Oberwelt zurückbefördert, wurden wir von drei leitenden SBB-Angestellten empfangen. Diese standen bereit, uns hinter die Kulissen, in die Hirnregionen dieses technischen Wunderwerkes, zu geleiten: in die Betriebsleitzentrale und in das Zentralstellwerk. In diesen mit modernster (aber scheint’s schon wieder veralteter) Elektronik, blinkenden Anzeigetafeln und leuchtenden Monitoren vollgestopften Räumen erhielten wir Staunenden detaillierten Einblick in die äusserst komplexen und durchreglementierten Betriebsabläufe eines solchen Riesenbetriebes. Zunehmend dichteres Verkehrsaufkommen und steigende Passagierzahlen erfordern hier von jedem allerhöchste Konzentration und vorausschauendes Mitdenken. Nach angeregter Diskussion verabschiedeten wir die ausgezeichneten Gruppenleiter mit Präsent und Applaus ins verdiente Wochenende.

Mit Informationen zum Thema bis nahe an die geistige Sättigungsgrenze versehen, machte männiglich sich auf, im nun schon wohl vertrauten ehemaligen Wartsaal den Magen dieselbe physisch erreichen zu lassen. Es gelang!

In der Halle ein letztes „Merci“ dem bunten Engel für gewährten Schutz und Schirm, und schon hiess es „heimwärts rollen wir, auf Eschers altem Nordostbahn-Trassee“. Ein guter, schöner Tag war’s!

Diese Exkursion war wiederum hervorragend organisiert, was durchaus auch seine Gefahren birgt: Man könnte sich nämlich daran gewöhnen….! Für Karin Bauer war es das Gesellenstück und für Esther Bächer die Abschiedsgala – ihnen beiden gebührt ein herzliches Dankeschön und grosses Kompliment. Châpeau!