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Eintägige Exkursion 2010: Vom Benediktinerkloster Beuron zur Autobahnkapelle bei Engen

Das Wetter schien dem Historischen Verein bei seiner Jahresexkursion wohl gesinnt zu sein, und es versprach ein prächtiger Herbsttag zu werden, als die 50 Mitglieder am Samstag im Reisecar der Firma Madörin mit Chauffeur Simon Rechberger ins Süddeutsche aufbrachen. Hingegen waren die Götter des Grenzübertritts übel gelaunt. Sie schienen weder von Schengen noch anderen bilateralen Abkommen etwas gehört zu haben. Während der Chauffeur am Zoll in Kreuzlingen in zähen Verhandlungen mit dem wiehernden Amtsschimmel versackte, sanken gewisse Mitglieder wieder sanft in den morgendlichen Dämmerschlaf zurück. Allein Roswitha Möhl holte ihre Morgengymnastik nach und hüpfte auf dem Trottoir von Platte zu Platte. Nur indem der Chauffeur sein Logbuch in Kreuzlingen als Pfand zurückliess – Geiseln mussten erstaunlicherweise keine gestellt werden –, konnten wir die Grenze ins Nachbarland Baden-Württemberg passieren und weiter durch die reizvolle und arkadisch anmutende Landschaft ins obere Donautal zur Benediktiner-Erzabtei St. Martin zu Beuron, dem Stammkloster der Beuroner Kongregation, fahren.

Im Gästehaus „Maria Trost“ wurden wir von einer Schar bis an die Grenze zur Selbstverstümmelung korsettierter Servierdamen empfangen, die, mit Trachtenschmuck behangen wie die Schlittenpferde des zwoten bajuwarischen Ludewigs, den ersehnten Kaffee samt Butterbrezeln in erstaunlicher Lebhaftigkeit darzureichen wussten. Anschliessend standen die Besichtigung der barocken Klosterkirche und ein Referat zur Beuroner Kunstschule von Herrn Prof. Dr. Hubert Krins auf dem Programm. Das Kloster, das 1077 als Augustiner-Chorherrenstift gegründet wurde, erlebte seine eigentliche Blüte erst im 19. Jahrhundert. 1802 im Zuge der Säkularisation aufgehoben, wurde es 1863 als Benediktinerkloster neu gegründet und 1868 zur Erz-Abtei erhoben. Berühmt wurde die Abtei als Zentrum der Beuroner Kunstschule, die mit ihrer stark an ägyptischen, altchristlichen und byzantinischen Vorbildern orientierten Malerei einen belebenden Einfluss auf die religiöse Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausübte. Zu diesen malenden Klosterbrüdern gehörte der Steckborner Konvertit Pater Gabriel Wüger (1829–1892), dessen Werk in der spätbarocken Klosterkirche u. a. mit dem 1867 entstandenen Altarbild präsent ist. Mit der im Beuroner Stil ausgemalten Gnadenkapelle, die ab 1898 entstand, zeigte uns Hubert Krins ein weiteres wertvolles Relikt dieser Kunstrichtung, welche später selbst in Beuron in Misskredit geraten war und im Zuge der Wiederherstellung des barocken Erscheinungsbildes der Klosterkirche entfernt wurde. Anschliessend durften die männlichen Mitglieder des Vereins zusammen mit Hubert Krins die Klausur betreten, während die Frauen den Weg ums Kloster herum zu gehen hatten und vor der Klosterpforte wieder in Empfang genommen wurden. Im Festsaal der Abtei, der beiden Geschlechtern offen stand, vermittelte uns Hubert Krins, der sich ehrenamtlich für die Erhaltung und die Aufarbeitung der Werke der Beuroner Künstler einsetzt, anhand von originalen Skizzen und Dokumenten einen Einblick in das Werk des talentierten Zeichners und Malers Gabriel Wüger.

Nach dem Mittagessen im nahe gelegenen Hotel Pelikan und einem kurzen Abstecher in den obligaten Devotionalienshop des Klosters, machten wir uns auf den Weg zu unserer nächsten Station: der Emmauskapelle an der Autobahnraststätte „Hegau-West“. Dort empfing uns Bernhard Albrecht, 2. Vorsitzender des Trägervereins der Autobahnkapelle, der uns die von Widerständen und Geldnöten nicht freie Entstehungsgeschichte des Kirchenbaus schilderte. Das Resultat ist jedoch eindrücklich: die moderne Kirche überzeugt in ihrer schlichten Betonarchitektur und von ihrem erhöht gelegenen Standort aus öffnet sich ein weiter prächtiger Blick in die vulkanisch geprägte Landschaft des Hegaus. Nach einer kurzen Fahrt gelangten wir ins Städtchen Engen, dessen individuelle Besichtigung den Schlusspunkt unserer Exkursion bildete. Da die Männer nun ob ihres klausurbedingten Wissensvorsprungs doch das schlechte Gewissen plagte, wurden die Frauen von ihren Begleitern zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Damit wurde der – ausserhalb Beurons – etablierten Gleichstellung Rechnung getragen und der Friede zwischen den Geschlechtern wieder hergestellt. Zufrieden und erfüllt von einer interessanten, von Karin Bauer und Urban Stäheli hervorragend geplanten und umsichtig geleiteten Exkursion, traten wir die Heimreise an. Der milde Spätsommertag hatte inzwischen auch die Zöllner versöhnlich gestimmt und der Grenzübertritt verlief flott und ohne lange Warterei.