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Zyklus 2019: Wasser, Strom und Abfall

Den dreiteiligen Zyklus zur Infrastruktur organisierte Verena Rothenbühler zusammen mit Julia Kühni.


Die Trafotürme von Tobel

Mit Warnhinweisen wird nicht umsonst eindringlich vor dem Betreten von Trafotürmen gewarnt, schliesslich dienen sie der Transformierung und Verteilung von Strom in lebensbedrohlicher Stärke. Julia Kühni und Verena Rothenbühler unterlegten die Besichtigung der beiden stillgelegten Trafotürme von Tobel am ersten Abend des Zyklus‘ mit ihren fachkundigen Ausführungen. Zuerst lotsten sie die 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über eine marode Treppe zu jenem Turm, der seit 1930 auf dem Areal der Komturei steht. Weil seine Aufgabe inzwischen ein moderner Trafocontainer übernommen hat, konnten die Warntafeln getrost ignoriert werden. In diesem Turm gibt es nur noch ungefährliche Reste der elektrotechnischen Infrastruktur, wie zum Beispiel die Drähte, die sich zwischen Trafoturm und Zellentrakt der ehemaligen Strafanstalt spannen. Diese erweisen nun den Vögeln gute Dienste, deshalb werden sie nicht entfernt.

Der andere Trafoturm steht als zweifarbiger Backsteinbau mitten in einer modernen Wohnüberbauung mit Solarpanels an den Balkonbrüstungen und ist für seinen Besitzer Fluch und Segen zugleich. Zwar kostete ihn der Erhalt des Turms beim Bau der Mehrfamilienhäuser zwei Tiefgaragenplätze, dafür bot er ihm die Möglichkeit für ein verstecktes kubanisches Refugium mitten in Tobel. Mit einer gehörigen Portion Stolz präsentierte der Besitzer den Zyklusteilnehmerinnen und -teilnehmern sein Werk.
Zum Abschluss durften sich die Mitglieder in den Garten der Komturei an einen langen Tisch setzen und den Abend bei einem Apéro ausklingen lassen.


Das trockene Reservoir

Nach einem zwanzigminütigen Marsch durch den weitläufigen Romanshorner Wald standen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am zweiten Abend des Zyklus‘ unvermittelt vor diesem Reservoir! Mit seiner einem Schloss nachempfundenen Fassade wirkt es seltsam fremd mitten im Wald. Julia Kühni und Verena Rothenbühler spekulierten über den Grund für diese Fassade, sie vermittelten dem interessierten Publikum aber auch jede Menge fundiertes Wissen über die Entwicklung der Hauswasserversorgung vom Sodbrunnen zum Wasserreservoir, von den Vorbehalten gegenüber dem See als Trinkwasserlieferant und dem Mythos der Reinheit des Quellwassers sowie von den Wasserkorporationen als treibenden Kräften für den Bau von Reservoiren und Wasserleitungen.
Dann war es soweit: Julia Kühni zückte einen langen Schlüssel mit Bart und verteilte mitgebrachte Taschenlampen an all jene, die keine Handylampen hatten. Dramaturgisch eindrucksvoll wuchtete sie die schwere Eisentür auf und machte den Weg frei in die 7 aufeinanderfolgenden Kammern, in denen bis 1980 Seewasser für die Bevölkerung von Romanshorn bereitstand. Kammer um Kammer bewegte sich die Gruppe durch die dunkle, eiskalte Leere bis zur letzten Kammer und zurück. Am Ende war man froh, wieder draussen zu sein.


Heidelbeeren auf dem Abfallkörper

Trotz des Hitzetags kamen 13 Mitglieder zur Führung in die Deponie Kehlhof unterhalb von Berg. Dieter Nägeli, Geschäftsleitungsmitglied des Kehrichtverbands Thurgau, übernahm die Leitung des Abends und informierte zuerst ausführlich über die Geschichte des Abfallwesens von der Römerzeit bis zur Gegenwart.
Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde Abfall für weitgehend wertlos gehalten. Deshalb musste er entsorgt werden, wozu sich Bachtobel eigneten, die man mit allem füllte, was nicht mehr zu gebrauchen war. Kehrichtverbrennung gibt es im Thurgau seit 1974, eine differenzierte Sicht auf den Abfall setzte dann in den 1980er Jahren ein, als mit der systematischen Abfalltrennung begonnen wurde. Seither heissen die Grundsätze: vermeiden, vermindern, verwerten, verbrennen.
In der Deponie Kehlhof wurden erste Anstrengungen zur Kontrolle und Steuerung der Deponie in den 1970er Jahren in Angriff genommen, ab 1984 gab es einen Deponiewart. Trotzdem musste die Deponie im Jahr 1989 geschlossen und in den folgenden Jahren von den Trägergemeinden für viel Geld saniert werden. Der Bach, der bereits früher in Betonröhren eingedolt worden war, wurde nun um den Deponiekörper umgeleitet. Danach konnte hier nur noch entsorgen, wer bereit war, eine vergleichsweise hohe Gebühr zu bezahlen. Und das waren nicht mehr Viele.
Auf dem abschliessenden Rundgang über das Gelände zeigte Dieter Nägeli den Teilnehmenden mit Humus eingedeckte Ablageplätze, die wieder der Landwirtschaft übergeben wurden und nun etwa zum Anbau von Heidelbeeren genutzt werden, die Waage, wo die Anlieferungen überwacht und abgerechnet werden, eine Aerobisierungsmaschine zur Belüftung des Abfallkörpers und Verkürzung der Nachsorgedauer sowie den aktuell bewirtschafteten Körperteil, wo mit mineralischen Abfällen aus Baustellen ein künftiger Apfelbaumhain modelliert wird.
In einigen Jahren soll die Deponie geschlossen und nichts mehr sichtbar sein. Bleiben werden die Geschichten von brennenden Reifen, giftigen Abfällen und teuren Sanierungen. Und ein Eintrag im Altlastenkataster.

Urban Stäheli

 

Unterlagen

Ausschreibung Zyklus 2019.pdf

 

 

Anmeldung

Der Zyklus hat stattgefunden.