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Zyklus 2012: Tessinerinnen und Italienerinnen im Thurgau

Dienstag, 15. Mai 2012: Münchwilen
Denkbar wäre ein lauschiger Maiabend im wunderbaren Park hinter dem ehemaligen Marienheim in Münchwilen gewesen. Stattdessen jagten Wolken über die Szene und fuhr der Wind in die Baumkronen und die Ohren der Teilnehmenden. Doch brachten die Nebengeräusche die Referentin, Verena Rothenbühler, keinen Moment aus dem Konzept: denn erstens war sie, nach ausgedehnten Archivstudien in Menzingen und andernorts, hervorragend vorbereitet, und zweitens legte sie einfach ein paar Dezibel zu, wenn die Störungen des Himmels, der offenbar doch einiges daran setzte, nicht alle Informationen so mir nichts dir nichts durch den Äther zu lassen, etwas gar arg wurden. – Das von Menzinger Schwestern zwischen 1916 und 1963 im Auftrag der Tüllindustrie St. Margarethen geführte Mädchenheim in Münchwilen beherbergte phasenweise über hundert junge, vorwiegend aus Norditalien stammende Fabrikarbeiterinnen und wurde nach klösterlichen Prinzipien geführt. Bete und arbeite. Punktum. Schmaler Lohn, schmale Kost, schmale Freizeit. Auf dass zuerst die Fabrik davon profitiere, dann die Kirche und zuletzt die späteren Ehemänner! Denn wo nicht in St. Margarethen zehn Stunden am Tag für Fr. 2.90 gespult oder nachgestickt, wurde in der Heimkapelle gebetet und die Messe gefeiert, und dann gekocht, genäht, gestrickt, geflickt. In Kontakt mit Einheimischen kamen die Mädchen so gut wie nie, mit jungen Männern schon gar nicht. Das wäre noch gewesen! Dafür durften sie in Dreierkolonne und uniformiert zweimal täglich in die „Tülli“ und zurück marschieren und dabei den Rosenkranz beten; denn ein Gespräch mit den Kameradinnen rechts und links hätte womöglich nur dazu geführt, gemeinsam von einem besseren Leben zu träumen. Und solche Träume sind gefährlich. Das alles wurde jahrzehntelang durchgehalten, bis Anfang der 1960er-Jahre ein paar sehr bescheidene und vorsichtig formulierte Anliegen der Mädchen zu einem schroffen Nein aus Menzingen führten, das System dann aber doch schnell zum Kollabieren brachten. 1963 war Schluss. – Leider konnte man das Marienheim, in dem sich heute Eigentumswohnungen befinden, nicht von innen besichtigen. Dafür gab es einen kleinen Spaziergang Richtung St. Margarethen und zurück – vorbei an der katholischen Kirche, wo die Referentin noch die Rolle der im Marienheim tätigen Priester beleuchtete. – Denkbar wäre an dem Abend auch ein Ausklang in einer lauschigen Gartenwirtschaft gewesen. Doch ging man dann lieber nach Hause: die Ohren und die Füsse aufzuwärmen …

Donnerstag, 24. Mai 2012: Weinfelden
… um eine gute Woche später in Weinfelden wieder fit anzutreten. Warum es dort nicht mehr nur ihrer 25, sondern ihrer 37 waren, die sich der Referentin an die Lippen zu hängen gedachten? Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass trotz Wind und Wetter etwas zu erfahren ist beim Historischen Verein. Und so war es denn auch. Abgesehen davon, dass man das ehemalige Martaheim nun nicht bloss von aussen beaugapfeln, sondern auch im Innern begehen durfte, weil der Kanton dort mittlerweile sein Bildungszentrum für Gesundheit eingerichtet und das Gebäude sorgfältig restauriert hatte. So konnte man sich vom Alltagsleben der seinerzeit dort lebenden Mädchen doch wenigstens ansatzweise eine räumliche Vorstellung machen, z. B. vom Schlafsaal, wo Bett an Bett gestanden haben muss. Doch kaum hatte man das Gebäude wieder verlassen, war auch er, der Jahresbegleiter des Historischen Vereins, wieder zur Stelle: der Wolkenbruch. Gerade konnte man sich noch unter einen Unterstand beim nahen Berufsbildungszentrum flüchten, wo die Referentin unter Aufbietung all ihrer Künste versuchte, den an sich vorgesehen gewesenen Gang durch das Quartier wenigstens vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen und mit Informationen über Mädchenheime in Bürglen und Arbon und anderswo zu ergänzen. Doch kroch die Kälte den Leuten dann eben doch langsam, aber sicher die Beine hoch, so dass man letztere am Schluss der Veranstaltung hurtig über die vielen Gunten zum Bahnhof oder zu ihrem Wagen springen sah, dass es eine Freude war. Wetter hin, Wetter her: Kaum jemand dürfte das Gefühl mit nach Hause genommen haben, das eigentlich ins Wasser gefallene Thema sei nicht relevant und interessant gewesen und bedürfte nicht dringend der weiteren Aufarbeitung. Vielleicht, dass Verena Rothenbühler gelegentlich einen Aufsatz in den Thurgauer Beiträgen nachschiebt? – Die Thurgauer Zeitung berichtete am 26. Mai 2012 ausführlich und mit Bild über den Anlass.

Dienstag, 5. Juni 2012: Frauenfeld, Staatsarchiv
Am dritten Abend zeigten die Veranstalter des Zyklus’, der Historische Verein und die Società Dante Alighieri Turgovia, im Seminarraum des Staatsarchivs den berührenden Dokumentarfilm von Werner Weick „Ragazze di convitto“. Da die Originalfassung mit französischen Untertiteln zur Aufführung kam, hatte Marco Molteni ein Handout vorbereitet, in dem der des Italienischen Unkundige auf Deutsch mitlesen konnte. Wie die ehemaligen Bewohnerinnen der Mädchenheime von ihrem Leben dort und von ihrer Arbeit in den Fabriken berichteten – es war schlicht umwerfend: mit welcher Distanz, mit welchem Witz, mit welchem Stolz auch auf die eigenen Leistungen, wunderbar! Im Anschluss an die Vorführung diskutierten die seinerzeit am Film mitbeteiligt gewesene Tessiner Historikerin Yvonne Pesenti und der aus einer Glarner Fabrikantenfamilie stammende ehemalige Direktor des Bundesamts für Kultur, David Streiff, mit Marco Molteni über verschiedene Fragen des seinerzeitigen Umgangs mit den jungen italienischen Arbeitskräften, aber auch – und das machte den Abend zusätzlich spannend – über den sich über die Zeit verändernden Umgang mit der Geschichte. Wobei im einen Fall Streiff, im andern Pesenti Musterbeispiele selbstkritischer Reflexion lieferten. So war es nicht verwunderlich, dass die anschliessende Fragerunde vom Publikum eifrig benutzt wurde und die Anwesenden auch in den Genuss verschiedener individueller Erinnerungen an frühere Verhältnisse im Arbeitsleben kamen, bevor die Gespräche während des Apéros, der den Zyklus beschloss, munter weiter gingen.
André Salathé

 

Unterlagen

Ausschreibung Zyklus 2012.pdf