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Zyklus 2014: Parallelwelten?

Dienstag, 6. Mai 2014
Am 6. Mai wurden wir auf dem Parkplatz der Schiessanlage Hau in Weinfelden von Urs Ehrbar, Oberst a. D., in Empfang genommen, der uns zum getarnten Eingang des 1937–1939 erstellten Kommandobunkers der ehemaligen Grenzbrigade 7 führte. Kaum eingetreten, empfing uns eine charakteristische Bunkerkälte. Im Hirn der Anlage, einem kleinen Raum, der militärhistorische Informationen sowie die Porträts sämtlicher 13 Brigadekommandanten versammelt, vermittelte uns Urs Ehrbar einen kurzweiligen Abriss über die schweizerische Landesverteidigung. Die Ahnengalerie hat es in sich: Wer hier porträtiert ist, gehörte zum Thurgauer Filz. Politisch und wirtschaftlich gut vernetzt, schauten Brigadiers wie Franz Josef Harder oder Ernst Mühlemann, dass es ihren Soldaten an nichts mangelte. Der Weinfelder Bunker ist das Zentrum des 1937–1940 erstellten Festungsgürtels auf dem Seerücken. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage weiter ausgebaut und noch in den 1980er-Jahren mit einer AC-Schutzanlage ausgerüstet.
Nach der Einführung machten wir uns mit Urs Ehrbar und Hansjörg Huber auf den Rundgang durch den Bunker, der seinerzeit rund hundert Offizieren und Soldaten Platz bot. Neben Büros, Schlafräumen und einer Küche gehörten zur Infrastruktur auch ein Funkraum und eine Telefonzentrale. In einem separaten Stollen ist der Maschinenraum untergebracht, das Herz des Bunkers, das für die Strom-, Wasser- und Luftversorgung sorgt.
Mit der Armeereform 1995 wurde der Bunker obsolet. 2007 wurde er vom Verein Festungsgürtel Kreuzlingen gekauft, der ihn seither in Schuss hält. Mit einem Glas Bunkerwein, das die ehemaligen Militärs zu allerlei Fachdiskussionen und Anekdoten anregte, liessen wir den interessanten Abend unter Tag ausklingen.

Dienstag, 13. Mai 2014
In eine ganz andere Welt führte uns der zweite Abend am 13. Mai. Von aussen deutet nichts an dem ehemaligen Fabrikgebäude in Salmsach darauf hin, dass sich dahinter die grösste Moschee der Ostschweiz verbirgt. Begrüsst wurden wir von Jetmir Sakiri, dem Sekretär des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein. Anwesend waren auch Nadzi Emruli, Präsident der albanisch-islamischen Gemeinschaft Salmsach, sowie Tadzedin Misimi, Imam der Moschee. Auf die Führung eingestimmt wurden wir mit zwei Videos, die erklärten, was der Islam ist.
Neugierig begaben wir uns anschliessend auf den Rundgang durch die Moschee. Nachdem alle die Schuhe ausgezogen hatten, führte uns Sakiri in den Waschraum, wo jeder Gläubige die rituelle Waschung vollzieht. Über eine kurze Treppe erreichten wir den grossen, mit dicken Teppichen ausgelegten und ganz in Grün, Weiss und Gold gehaltenen Gebetsraum. Ein Teil davon ist für Frauen abgetrennt. Von der Decke hängen riesige Kristalllüster und an den Wänden stehen in arabischer Kalligraphie die 99 Namen Allahs. Die Gebetsnische, mit bunten Mosaiksteinchen verziert, zeigt nach Südosten, in Richtung Mekka. Sehr schnell entwickelte sich eine angeregte Diskussion über den Islam und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Moslems und Christen. Alle Fragen wurden von Sakiri und Misimi mit grosser Geduld und viel Humor beantwortet. Deutlich wurde auch, dass der Islam zur Identität und Kultur einer unserer Einwanderungsgruppen gehört. Viele Mitglieder der islamisch-albanischen Gemeinschaft Salmsach stammen aus Tetovo in Mazedonien, von denen die ersten bereits in den 1970er-Jahren als Arbeiter in die Ostschweiz gekommen sind. Der herzliche Empfang, die engagierten Diskussionen sowie der offerierte Apéro machten den Besucherinnen und Besuchern deutlich, dass wir hier weniger mit einer Parallelwelt, als vielmehr mit unseren Schwellenängsten konfrontiert waren. Diese konnten wir an diesem Abend aber erfolgreich ablegen.

Dienstag, 20. Mai 2014
Der dritte Abend führte uns am 20. Mai ins Kantonalgefängnis nach Frauenfeld. Im Gegensatz zu den derzeit rund 65 Insassinnen und Insassen, waren die Mitglieder des Historischen Vereins freiwillig nach Frauenfeld gekommen. Nach mindestens zwei schweren Türen mit Eingangscodes wurden wir im kleinen Empfangsraum von Ernst Scheiben, dem Direktor des Gefängnisses, begrüsst. Frauenfeld ist ein relativ kleines Gefängnis. Neben Häftlingen, die eine Freiheits- oder Disziplinarstrafe verbüssen, sind hier auch Ausschaffungs- und Untersuchungshäftlinge untergebracht. Wie Ernst Scheiben erklärte, stösst das Gefängnis derzeit an seine Grenzen. Einerseits werden in Frauenfeld viele kurze Freiheitsstrafen verbüsst, und andererseits beträgt die Wartefrist für andere Strafanstalten zurzeit gut ein Jahr. Im Gefüge des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats ist das Gefängnis in Frauenfeld nur ein Baustein: die zu längeren Freiheitsstrafen verurteilten Männer werden in der Zürcher Strafanstalt Pöschwies und in Saxerriet im Kanton St. Gallen untergebracht.
Nach diesen ersten Informationen machten wir uns mit Ernst Scheiben auf den Rundgang durchs Gefängnis. Das grösste Interesse weckte die Zelle. Die rund zehn Quadratmeter grossen und einheitlich möblierten Zellen haben zwar den Charakter eines Schlafzimmers, sind aber wegen den Gitterstäben und den schweren Zellentüren mit Sichtklappe kaum mit einem Hotelzimmer zu verwechseln. Im Sporthof, der von hohen Betonmauern umgeben ist, erzählte Scheiben von der spektakulären Flucht eines Häftlings, der sich im klassischen Stil mit Hilfe zusammengeknüpfter Bettlaken hochangelte und an der Aussenwand abseilte. Obwohl Ausbrüche wie Scheiben erklärte, sehr selten vorkommen, wollte es der Zufall, dass nur gerade zwei Tage nach unserem Besuch zwei Untersuchungshäftlinge aus dem Gefängnis ausbrachen.
Anschliessend besichtigten wir den Arbeitsraum. Ein grosses Problem in einem kleinen Gefängnis ist die Beschäftigung. Gerade Häftlinge, die eine lange Freiheitsstrafe verbüssen, warten deshalb ungeduldig auf die Einweisung in die Strafanstalt Pöschwies, weil dort attraktivere Arbeiten und Ausbildungen angeboten werden. Im Untergeschoss konnten wir auch einen Blick in die Arrestzelle werfen, wo Häftlinge bei einem Disziplinarvergehen eingesperrt werden – sie ist alles andere als gemütlich zu bezeichnen.
Ernst Scheiben hat es uns ermöglicht, dass wir einen Blick hinter die Mauern und in die fremde, nicht ganz geheure Welt des Strafvollzugs werfen konnten. Ein interessanter, aber auch nachdenklicher Schlusspunkt in unserem Zyklus „Parallelwelten“, der, nach den Reaktionen der Besucherinnen und Besuchern zu schliessen, ein voller Erfolg war.

Verena Rothenbühler

 

Unterlagen

Ausschreibung Zyklus 2014.pdf