Historischer Verein des Kantons Thurgau

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Exkursion 2024 nach Nürnberg

30.08.2024

Freitag
Ziel Nürnberg – die Carfahrt so lang, dass die Vereinsmitglieder wieder einmal in den Genuss einer dreitägigen Exkursion kamen. Und was hört man sofort: Das könnte öfter so sein, drei Tage mit dem Historischen Verein auf Reisen zu gehen! Vielen Dank für die Blumen, die insbesondere Philipp Sauter und Adrian Oettli für die gute Organisation und die umsichtige Leitung zukommen.
Die lange Carfahrt wurde durch einen Mittagshalt im Restaurant «Schättere» in Aalen nicht nur aufgelockert, sondern stimmte die Vereinsmitglieder auch kulinarisch auf die Region ein. Kässpätzle mit zweierlei Zwiebeln oder «Schättere dreierloi» (Maultäschle, Schweinsbäckle, Bratwürstl) sowie viel Spätzle und Kartoffelsalat und das alles mit süddeutschen Essensportionen.
Nach der Mittagspause ging es weiter nach Nürnberg, direkt zum Reichsparteitagsgelände, das sechsmal so gross wie die Altstadt ist. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter des Vereins «Geschichte für alle» führten uns zurück in die Zeit, als die NSDAP hier ihre Parteitage abhielt. Dabei handelte es sich um reine Propagandaveranstaltungen, deren Ziel es war, ein positives Image der Partei zu präsentieren, die NS-Ideologie in die Bevölkerung hinauszutragen und die deutsche Bevölkerung auf Krieg einzustimmen. Es kam zu Aufmärschen der Wehrmacht, der SS, der Hitlerjugend – Massenveranstaltungen in Uniformen. Die mehrtägigen Veranstaltungen trugen Titel wie beispielweise 1933: «Parteitag des Sieges», oder 1935: «der Freiheit». Derjenige vom 2.bis 11. September 1939 hätte ironischerweise «Parteitag des Friedens» heissen sollen, wurde jedoch nach dem Angriff auf Polen abgesagt. Der Rundgang gab einen Einblick in die Grösse der Anlage, auf der viel geplant und wenig tatsächlich verwirklicht wurde. So auch die Kongreshalle für 50'000 Delegierte, die unvollendet blieb. 1938 kam es zum Baustopp, da die Manpower nun an der Front ge- und verbraucht wurde. Der in der Form eines U geplante Bau mit zwei Kopfbauten sollte eineinhalbmal so gross wie das Kolosseum sein. Er zeigt Hitlers Faszination für die römische Antike und deren die Zeit überdauernde Bauten. Das Gebäude ist als sogenannte «Einschüchterungsarchitektur» zu lesen, die zeigen soll, dass das Individuum «nichts» und das Volk «alles» ist.
Wie weiter mit einem Gelände mit einer solchen Geschichte? Das Volksfest, das seit 1826 hier stattfand, kehrte wieder zurück. Wir haben es gesehen und gehört. Spätestens als der Lärm der Menschenmassen die Geräuschkulisse bildete, hatten alle Vereinsmitglieder wieder ihre Kopfhörer in die Ohren gesteckt, um den spannenden Ausführungen folgen zu können. Verschiedene Ideen für die spätere Nutzung der Kongresshalle – wie beispielweise als Fussballstadium – scheiterten, doch in den Kopfbauten finden heute die Nürnberger Symphoniker und das Dokumentationszentrum ein Zuhause.
Das Areal wird durchquert von der «Grossen Strasse». Von Albert Speer als Aufmarschstrasse geplant mit schwarzen und grauen Marmorplatten, die den Soldaten bei Paraden Orientierung bieten sollten – eine Platte für zwei preussische Stechschritte, wie uns erklärt wurde. Das schienen nicht alle Exkursionsteilnehmenden zu glauben, überprüften doch einzelne von ihnen, den Stechschritt nachahmend, die Aussage. Die «Grosse Strasse», deren Blickachse zur Nürnberger Burg führt, sollte den Menschen die Verbindung zum ersten Deutschen Reich, dem mittelalterlichen, und dem zweiten, dem Deutschen Kaiserreich, zeigen. Die Wehrmacht stellte sich bei der Burg auf und marschierte aus dem alten Reich über die «Grosse Strasse» ins neue Dritte Reich. Dafür wurde sogar der Tiergarten verlegt. Böse Zunge sagten, so erfuhren wir, die armen Tiere hätten vorher Hitlers Reden anhören müssen.
Weiter ging es zum Zeppelinfeld, wo 1909 ein Zeppelin gelandet war. 36 Türme mit den damals modernsten Toilettenanlagen Europas säumen den Platz, die Fahnenhalterungen sind noch da und liessen in der eigenen Vorstellung die Hakenkreuzflaggen im Wind flattern.
Wir liessen uns auf den Stufen der Zeppelintribüne nieder, wo früher Ehrengäste auf Kunstlederkissen sassen und Massen der Wehrmacht, SS oder Hitlerjugend der Stimme Hitlers lauschten. Die Männer nach «Schönheit» aufgereiht: vorne die «arisch Aussehenden», jene, die wie Hitler oder Goebbels aussahen, in den hinteren Reihen. Die einfachen Leute sassen auf den Tribünen gegenüber, weit hinten.
Wir stellten uns vor, wie beim abendlichen «Appell der Politischen Leiter» (1936–1938) der sogenannte «Lichtdom» erstrahlte, 130 von Albert Speer in regelmässigen Abständen positionierte Flakscheinwerfer, die den Himmel erstrahlten, und wie später Autorennen oder seit den 1970er Jahren Rockkonzerte stattfinden.
Selbst wenn sich mindestens die eine der beiden Gruppen auf den wenigen verfügbaren Schattenplätzen niedergelassen hatte, wurde es auf den bei hochsommerlichen 30 Grad erhitzten Stufen bald unbequem und ungemütlich heiss, sodass trotz der interessanten Ausführungen alle froh waren, zum gekühlten Car zurückkehren zu können, um ins Hotel zu fahren.
Den Freitag rundeten die einen mit einem gemeinsamen Nachtessen im Biergarten ab, während andere in kleinen Gruppen durch die Stadt flanierten auf der Suche nach einem Abendessen.


Samstag
Nürnberg war im Mittelalter eine der bedeutendsten freien Reichsstädte mit starker Verbindung zum Kaiser, nur Augsburg und Köln waren grösser. Im 19. Jahrhundert wurde sie zu einem führenden Industrieort in Bayern. Hitler machte sie zur Stadt der Reichsparteitage. In den Jahren nach dem Krieg wurde vieles abgerissen, um die Vergangenheit zu vergessen. Ab den 1970er Jahren setze jedoch ein Umdenken ein, und die Aufklärung über den Faschismus wurde zum Ziel. 
Das Dokumentationszentrum Reichstagsgelände, das wegen der Neukonzeption im Moment eine Interimsausstellung zeigt, ist Ausdruck davon. Am Samstagmorgen nahmen zwei Mitarbeiterinnen des Vereins «Geschichte für alle» die Vereinsmitglieder anhand verschiedener Objekte mit auf eine Reise durch Nürnberg als Ort der Reichsparteitage. Um nur einige zu nennen: Auszüge aus dem «Stürmer», mit dem Julius Streicher nicht nur zum wohlhabenden Mann wurde, sondern auch die Massen mit seinen antisemitischen Botschaften aufhetzte (Streicher wurde in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt). Plakate, die die Botschaft von Macht, Massen, in Reih- und Glied-stehenden jungen Männern und strammer Ordnung vermitteln, Post- und Spielkarten, Alben mit einzuklebenden Bildern – die «Paninihefte der NS-Zeit» und Bilder des umfunktionierten Teilnehmerlagers zu einem Kriegsgefangenenlager während des Krieges oder des Bahnhofes, von dem etwa 3000 Menschen in die Vernichtungslager im Osten abtransportiert wurden.
Nach dem Mittagessen mit währschafter fränkischer Kost im Heiliggeist-Spital versuchten die Teilnehmenden am Nachmittag wegen der hochsommerlichen Temperaturen bei der Führung durch das mittelalterliche Nürnberg zum Thema «Mörder, Fälscher, Messerstecher» dem Schatten entlangzuschleichen. Wobei, eine klassische Führung war es nicht, standen wir doch für die Einführung durch die Rechtsgeschichte des Deutschen Reiches eine Dreiviertelstunde lang an einem, wenigstens schattigen, Ort.
Wir erfuhren, dass Nürnberg ursprünglich aus zwei ummauerten Städten entstand, die durch die Pegnitz getrennt waren. Diese wuchsen zusammen und erhielten 1320 erstmals eine befestigte Verbindung und wurden von einer ca. 5 Kilometer langen und etwa 37 Meter dicken Mauer umgeben, deren Türme die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden.
Strafen sollten im Mittelalter als Abschreckung wirken und Wiederholungstaten verhindern. Da die Menschen glaubten, die Seele trete nach dem Tod vor ein göttliches Gericht, welches über Himmel oder Hölle entscheide und weil auch zum Tode Verurteilte in den Himmel kommen konnten, wurde die Todesstrafe grosszügig umgesetzt.
Zuständig dafür war der Henker, der zwar in der Stadt, aber nicht auf Nürnberger Boden lebte. Sein Haus erhebt sich über einer Pegnitzbrücke und war im Mittelalter das einzige neben der Burg mit Plumpsklo – Luxus für den Henker! Er war einerseits Vorrichter, der die angeklagte Person zum Geständnis bringen sollte, und vollzog anschliessend das Urteil.
Hinrichtungen wurden mit einem Volksfest gefeiert, da der Bösewicht nun im Himmel war und die Einwohner:innen sich wieder sicher fühlen konnten. Erhängen, köpfen, lebendig begraben, ertränken, pfählen, rädern und lebendig verbrennen als Hinrichtungsarten und Leibesstrafen wie öffentliches Auspeitschen, Zunge rausschneiden, Brandmarken, Ohr ein- oder abschneiden oder an den Pranger stellen – die Einzelheiten dieser Bestrafungen und von Folterarten wie beispielsweise Daumen- oder Beinschrauben, die den Nürnberg-Reisenden geschildert wurden, erspare ich Ihnen. Es reicht, wenn den Anwesenden ein Schauer über den Rücken lief.
Nach so viel schauerhafter Geschichte aus dem Mittelalter und sommerlicher Hitze strebten die Vereinsmitglieder zu einem feinen Glacé oder erfrischten sich im Schatten und suchten sich in kleinen Gruppen einen passenden Ort für einen feinen Znacht und interessante Gespräche.


Sonntag
Nach zwei Tagen mit Verbrechen aus dem Mittelalter und der NS-Zeit, war der Sonntagmorgen der Aufarbeitung von letzteren an den Nürnberger Prozessen gewidmet mit einem Besuch der Ausstellung auf dem Dachboden des Justizpalastes.
Da die Prozesse nach westlichen Standards durchgeführt werden sollten und folglich die Unschuldsvermutung galt, mussten die Taten der Angeklagten bewiesen werden. Darum sicherten sich die Alliierten sofort nach der Besetzung Deutschlands relevante Unterlagen und wurden die US-Truppen bei der Befreiung der Konzentrationslager von Kamerateams begleitet.
Nürnberg wurde als Austragungsort für die Prozesse gewählt, weil es, abgesehen davon, dass es in der amerikanischen Zone lag, einen Gerichtssaal hatte, der nicht zerstört war und mit dem unmittelbar anschliessenden Gefängnis ein Ort der kurzen Wege war. Es gab 4 Anklagepunkte:
1. «Verschwörung» nach angelsächsischem Recht. Bereits die Vorbereitung konnte bestraft werden.
2. Verbrechen gegen den Frieden. Gemäss Briand-Kellogg-Pakt, den auch Deutschland unterzeichnet hatte, war Kriegsführung nur zu Verteidigungszwecken legitim. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Strafrecht, sondern um einen staatsrechtlichen Vertrag, auf den diplomatisch zu reagieren war.
3. Kriegsverbrechen gemäss Haager und Genfer Konvention, die sich auf die Wehrmacht und die Waffen-SS bezogen. Doch am Holocaust waren insbesondere die SS (Schutzstaffel) und andere Hilfstruppen beteiligt, die nicht dieser Konvention unterstanden.
4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Genozid. Ein Punkt der neu eingeführt worden war.
Der Hauptprozess mit Angeklagten, die sich verhielten, als wären sie unschuldig, wurde gefilmt. Nach den Suiziden von Hitler, Himmler und Goebbels waren Hermann Göring und Rudolf Hess die wichtigsten Angeklagten. Die als Militärprozesse von Richtern der Siegermächte mit Simultandolmetschern durchgeführten Verhandlungen wurden von der Verteidigung abgelehnt: Es handle sich um Siegerjustiz, das Verfahren sei unfair, Hitler sei der alleinige Verantwortliche. Ferner wurde das Rückwirkungsverbot kritisiert, da der vierte Anklagepunkt erst nach dem Krieg eingeführt wurde.
Hermann Göring wurde in allen vier Punkten angeklagt und zum Tode verurteilt. Das Urteil konnte jedoch nicht vollzogen werden, da er sich mit einer Zyankalikapsel der Hinrichtung entzog. Rudolf Hess wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Von den 21 Angeklagten im Hauptverfahren wurden drei freigesprochen, sieben zu langjährigen oder lebenslänglichen Haftstrafen und zwölf zum Tod verurteilt. Es gab keine höhere Instanz, um die Urteile anzufechten. Die Todesurteile wurden nach 14 Tagen in der Gefängnisturnhalle vollzogen. Die Gefängnisstrafen mussten in Berlin Spandau abgesessen werden, wo die vier Alliierten, selbst zur Zeit des Kalten Krieges, das Gefängnis im Wechsel verwalteten.
Der Angeklagte Julius Streicher, Gauleiter von Franken und Verleger der hetzerischen Zeitschrift «Der Stürmer», stand bereits in der Weimarer Republik mehrmals wegen antisemitischer Hetze vor Gericht. In den Nürnberger Prozessen wurde er wegen des ersten und vierten Punktes angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet aufgrund der Annahme, dass ohne seine Hetze der Hass auf die Juden vielleicht nicht so gross gewesen wäre. 2008 bezog sich der Internationale Gerichtshof in Den Haag auf das Urteil gegen Streicher, als im Zusammenhang mit dem Völkermord in Ruanda ein Journalist zu 30 Jahren Gefängnis wegen «Hate Speech» verurteilt wurde. Er hatte in «Radio Ruanda» zu Hass und Morden aufgerufen.
Während die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse innerhalb eines Jahres durchgeführt wurden, fanden bis 1949 die sogenannten «Nachfolgeprozesse» statt. Diese waren nicht mehr international, sondern US-amerikanische Militärverfahren. Nun standen beispielsweise Ärzte, Juristen, Generäle, Einsatzgruppenbeteiligte oder SS-Mitglieder vor Gericht. Trotz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit arbeiteten viele Richter, Verwaltungsbeamte oder Manager nach dem Krieg weiter.
Zurück im Car, spürte man, dass einige Vereinsmitglieder mit den Gedanken noch bei den Nürnberger Prozessen oder in der NS-Zeit waren.
Der Rückweg führte mit einem späten Mittagessenshalt auf der Terrasse eines süddeutschen Gasthofes zurück in den Thurgau.
Kurz vor Arbon, wo die ersten Mitglieder den Car verliessen, bedankte sich der Chauffeur für den Auftrag und die interessante Reise, an der er teilhaben durfte. Er gab seiner Anerkennung für die Vereinsmitglieder Ausdruck. Es sei ungewöhnlich, dass ein 50er Car fast bis auf den letzten Platz besetzt werde, es so reibungslos laufe und eine so gute Stimmung zwischen den Reisenden herrsche.
Dem schliesst sich die Schreibende an. Es ist schön, mit Ihnen, liebe Vereinsmitglieder, unterwegs zu sein. Zu sehen, wie interessante Gespräche entstehen, Leute sich in wechselnden Gruppen zusammentun und gemeinsam durch die Stadt flanieren, zusammen essen gehen oder wie spätabends nach der Rückkehr ins Hotel sich eine kleine Gruppe in der Lobby zufällig trifft und ein Mitglied seinen soeben erstandenen «Carlsbader Becherovka» mit andern teilt, um den Tag zu beschliessen.
Liebe Vereinsmitglieder, herzlichen Dank waren Sie mit dabei auf der Exkursion und Adrian Oettli und Philipp Sauter für die gute Organisation und Reiseleitung.


Karin Bauer

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