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20.09.2025
Es ist Tradition, dass der Historische Verein des Kantons Thurgau im Rahmen seines Jahresmottos eine Exkursion über die Kantons- oder gar Landesgrenzen hinaus anbietet. Zum Motto 2025 «Gesponnen, gewoben, gewalkt, gestrickt, gestickt» wurde der Kanton Glarus gewählt. Verbreitet als Berg- und Agrarkanton verkannt, war Glarus während zwei Jahrhunderten geprägt von der Textilindustrie, deren Spuren noch heute deutlich lesbar sind. Die Exkursion öffnete über dieses Kapitel Glarner Geschichte den Blick über gängige Klischees hinaus. Zu diesen gehört auch die Landsgemeinde, oft als nostalgisches Relikt aus Urzeiten bäuerlicher Kultur etikettiert. Sie verblüfft immer wieder mit progressiven Entscheiden, die über die Anträge von Regierung und Parlament hinaus gehen: erstes Schweizer Fabrikgesetz, radikale Gemeindestrukturreform, Stimmrechtsalter 16.
Erste Station der Exkursion war der Freuler Palast in Näfels, der das Museum des Landes Glarus beherbergt. Die Männer der Familie Freuler standen über mehrere Generationen als Militärunternehmer im Dienst der französischen Könige. Als Kommandant des schweizerischen Garderegiments brachte es Johann Kaspar Freuler, der den Palast in Näfels 1642-1648 erbauen liess, zu den höchsten französischen Adelstiteln. Der Freuler Palast repräsentiert diese Adelswürde der Emporkömmlinge, die dem armen katholischen Nest im reformierten Glarnerland den Rücken kehrten und in fremden Diensten zu Reichtum und Ehre kamen. Der Prunkbau kontrastiert eindrücklich mit der Armut der Bergbauern- und Fabrikarbeiterfamilien. Unser Museumsführer, Fritz Heusser, bewegte sich virtuos im Geflecht von Bau-, Familien-, Sozial-, Industrie-, Lokal-, Europa- und Weltgeschichte. Ausgezeichnet verstand er es, zwischen den belegten Fakten und dem grossen Feld von Vermutungen und Interpretationen zu unterscheiden. Eine lebendige Lektion Geschichte mit einem breiten Horizont, dargeboten in urchigem Glarner Dialekt.
Nach dem Mittagessen im Hotel Glarnerhof, einem weiteren herausragenden Bau, führte uns Architekt Jacques Hauser auf einem Stück des Glarner Industrieweges von Glarus nach Ennenda. Als Vorstandsmitglied des Vereins Glarner Industrieweg konnte er aus dem Vollen schöpfen. Glarus brannte Mitte des 19. Jahrhunderts ab und wurde nach dem Vorbild des Stadtplans von La Chaux-de-Fonds wieder aufgebaut. Die wirtschaftliche Blüte durch den weltweiten Handel und die florierende Textilindustrie ermöglichten Grosszügigkeit, die sich zum Beispiel in der Anlage des Stadtparks, auch Volksgarten genannt, äussert. Er beherbergt das Kunstwerk «The Caring Hand» der einheimischen Bildhauerin Eva Oertli und des Bildhauers Beat Huber. Der Künstlerin begegneten wir in ihrem Garten. In Ennenda, zu jener Zeit ein kleiner Ort, gipfelte der übermütige Reichtum in den Bau eines überdimensionierten Gemeindehauses und daneben eines Gesellschaftshauses, beide mit Sälen, die das Mehrfache der Bevölkerung aufnehmen konnten. Während die Arbeiterwohnungen lange Häuserzeilen entlang der Strassen bilden, setzen die Fabrikantenvillen mit ihren grosszügigen Parkanlagen ganz andere städtebauliche Akzente. Den sozialen Klüften steht das fortschrittliche Fabrikgesetz von 1864 gegenüber, das die Arbeitskräfte vor Ausbeutung schützte. Die Schaffung von günstigen Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf, die zur Gründung eines Konsumvereins führte, zeigt wie sich die Industriepatrone auch um den Alltag der Arbeiterschaft kümmerten. Aus den Konsumvereinen ging Coop hervor.
Das Jenny Fabrikensemble in Ennenda zeigt beispielhaft die architektonische Entwicklung des Ortes, die sich an der Entwicklung der Industrie orientierte.
Der Glarner Industrieweg führt von Linthal bis Ziegelbrücke durch das ganze Tal von Glarus. Zur Zeit wird an seiner zeitgemässen Präsentation gearbeitet.
Die zweite Hälfte des Nachmittags war dem Glarner Wirtschaftsarchiv in Schwanden gewidmet. Eine Stiftung stellt sich seit 2002 die Aufgabe, die Glarner Wirtschaftsgeschichte, insbesondere die Textilgeschichte, zu erforschen, zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Führung mit Andreas Iten machte deutlich, wie anspruchsvoll der Stiftungszweck in der Umsetzung ist. Es gilt, relevante Dokumente – vornehmlich aus den Beständen der Fabrikantenfamilien – zu sammeln, zu sichten, zu registrieren, zu digitalisieren und fachgerecht zu lagern, damit sie für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung und fürs Publikum zur Verfügung stehen. Zu diesem Prozess gehört der Umgang mit Lücken in den Beständen, aber auch mit verschimmelten Dokumenten und anderen Beschädigungen. Insgesamt sind unterdessen über 3'000 Schachteln zusammengekommen, vor allem Briefe, aber auch andere interessante Zeitdokumente wie Muster, Rechnungsbücher, Buchhaltungsbelege, Rezepturen usw. Basis des Bestandes bildet das Firmenarchiv der Textildruckerei Blumer von 1828-1980. Im Glarnerland war die Textildruckerei dominant: man importierte die Stoffe, bedruckte sie und exportierte die farbig bemusterten Produkte. Das erforderte ein vielseitiges und grossräumiges Beziehungsnetz; heute spricht man von Globalisierung. Spinnerei und Weberei waren zweitrangig.
Die Bevölkerung von Glarus war gezwungen, ihre wirtschaftlichen Grundlagen zum Überleben ausserhalb ihres engeren Lebensbereiches zu suchen. Die Landwirtschaft an den steilen Hängen gab zu wenig her. Die Talebene war den Launen der Linth ausgeliefert und daher für die landwirtschaftliche Produktion unberechenbar. Hingegen bot sich die Nutzung der grossen Mengen an Wasser für die Druck- und Färbeprozesse an. Mit der Wasserkraft konnte die Leistungsfähigkeit der Industrie deutlich erhöht werden. Der frühe Anschluss ans Eisenbahnnetz im Jahr 1859 zeigt einerseits, wie wichtig eine effiziente und leistungsfähige Transportverbindung in die weite Welt hinaus war und andererseits die Bedeutung und das Ausmass der Glarner Handelsgüter.
Das Glarner Wirtschaftsarchiv verfolgt auch die Spuren anderer Wirtschaftszweige. Die Beschaffung des entsprechenden Materials ist nicht einfach. Sie beruht auf Freiwilligkeit bei den Besitzern und ist oft mit Zufällen verbunden.
Die Führung gab Einblicke in eine Aufgabe, die mit neuen Erkenntnissen oft auch viele offene Fragen zutage fördert. Den Verantwortlichen ist viel Geduld, Beharrlichkeit und Ausdauer zu wünschen. Was sie sich wünschen? Zahlreiche interessierte Besucherinnen und Besucher, so wie die Mitglieder des Historischen Vereins.
Die Exkursion ins Tal von Glarus, das von hohen Bergen beengt ist, hat erstaunliche Horizonte eröffnet, die weit über die Thurgauer Textilgeschichte hinausführen. Das war wohl die Absicht der Organisatoren Adrian Oettli und Philipp Sauter. Zusammen mit den kompetenten Führerinnen und Führern, der Gastronomiecrew im Glarnerhof und dem Carchauffeur haben sie ein Angebot gestaltet, das keine Wünsche offen liess. Ja, sogar Petrus leistete seinen Beitrag an einen rundum gelungenen Tag, der die Lust auf einen weiteren Besuch im Glarnerland weckte. Und die Verbundenheit mit dem Historischen Verein des Kantons Thurgau stärkte. Herzlichen Dank und ein grosses Kompliment!
Werner Ibig
Anmeldung