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Der Zyklus wurde von Laura Glöckler, Julia Kühni, Aline Ostergaard und Verena Rothenbühler organisiert.
Frieda Keller (1879-1942): Vom Opfer zur Täterin
Am 29. Mai 2024 versammelten sich 30 Vereinsmitglieder mit der Autorin Michèle Minelli im ehemaligen Restaurant «Zur Post» in Bischofszell, um sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit zu begeben. Im Mittelpunkt der historischen Spurensuche stand Frieda Keller.
Frieda Keller, geboren als fünftes von elf Kindern in Bischofszell, begann im Herbst 1895 eine Lehre als Damenschneiderin, die sie nach eineinhalb Jahren abschloss. Danach half sie ihrer kranken Mutter im Haushalt und arbeitete als Aushilfe im Wirtshaus «Zur Post», wo sie von Karl Zimmerli, dem Wirt und Freund ihres Vaters, mehrfach vergewaltigt wurde. Im November 1898 wurde Frieda schwanger und zog nach St. Gallen, um dort als Schneiderin zu arbeiten.
Ihr Sohn Ernst Keller wurde Ende 1898 oder Anfang 1899 geboren und in der Kinderbewahrungsanstalt «Tempelacker» untergebracht. Karl Zimmerli blieb straflos, und Frieda kämpfte mit finanziellen Problemen. Im Mai 1904 holte sie Ernst aus der Anstalt ab und erdrosselte ihn im Hagenbuchwald. Die Leiche wurde am 7. Juni 1904 entdeckt und Frieda legte am 14. Juni 1904 ein Geständnis ab. Sie wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde jedoch am 28. November 1904 in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt.
Frieda Keller wurde 1919 aus der Haft entlassen und fand 1931 eine Stelle als Putzfrau. Sie war durch die Haft depressiv und physisch angeschlagen und starb am 7. September 1942 in der kantonalen Irrenanstalt Münsterlingen.
Der Höhepunkt der Veranstaltung fand in der Buchhandlung «Bücher zum Turm» statt, wo Michèle Minelli mit Hilfe verschiedener Quellen Friedas Wandel vom Opfer zur Täterin darstellte und einen Ausschnitt aus «Friedas Fall» präsentierte. Dieser detailreiche und bewegende Einblick in Frieda Kellers Leben und die Umstände ihrer Tat bot den Vereinsmitgliedern eine tiefgehende Reflexion über historische und soziale Hintergründe solcher Schicksale. Die Veranstaltung endete mit einem Austausch über die gezeigten Inhalte.
True Crime: Verbrechen im idyllischen Mostindien
Das Genre True Crime, das in den 1950er-Jahren in den USA entstanden ist, erlebt schon seit Längerem einen Boom. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass «True Crime im idyllischen Mostindien» rund 30 Vereinsmitglieder ins Staatsarchiv gelockt hat. Die jungen Historikerinnen Laura Glöckler, Julia Kühni und Aline Ostergaard haben in den Beständen des Staatsarchivs mehrere «wahre» Kriminalfälle aus unterschiedlichen Epochen ausgegraben. Kenntnisreich und ohne in die Falle eines plakativen Täterinnen- oder Täterkults zu verfallen, erzählten sie von einem Leinwanddiebstahl, den Anna Maria Städler von Obersommeri in St. Gallen begangen hatte. Obwohl der Ausgang der Geschichte nicht bekannt ist, steht fest, dass die Frau wegen der Schwere des Verbrechens – Leinwand war im 18. Jahrhundert ein sehr kostbarer Stoff – vermutlich mit dem Tode bestraft wurde.
Das galt auch für Hexen. Frauen und Männer, die wegen Hexerei angeklagt wurden, waren oft randständige und arme Menschen, die leicht wegen Neid, Hass oder Gerüchten in die Fänge der Justiz geraten konnten. Auch im reformierten Kanton Thurgau wurden im 17. Jahrhundert mehrere Hexen verbrannt oder mit dem Schwert hingerichtet.
Dass Verbrechen ein Geschlecht haben, zeigten der Fall eines Kreuzlinger Wirtes, der 1809 in einen Waffenschmuggel verwickelt war, und der Giftmord, den Margaretha Rümmel auf dem Schlipfenberg in Weinfelden an ihrem Ehemann begangen hatte. Nachdem Margarethas Begnadigungsgesuch vom Grossen Rat abgelehnt worden war, wurde sie 1839 in Frauenfeld enthauptet.
Als die Todesstrafe von der Freiheitsstrafe ersetzt wurde, mussten für deren Vollzug auch Gefängnisse gebaut werden. 1811 richtete der Thurgau in Tobel eine kantonale Zucht- und Arbeitsanstalt für Frauen und Männer ein. Der Blick in die administrativen Unterlagen der Anstalt macht deutlich, dass im Strafvollzug des 19. Jahrhunderts nicht die Menschen, sondern vielmehr eine peinlich genaue Buchhaltung im Zentrum stand.
Den Bogen der spannenden und anregenden Führung schloss der Fall Hermann Schwarz ab. Hermann Schwarz hatte 1912 in Romanshorn in einem Amoklauf sechs Menschen umgebracht. Er selbst, dessen Biografie viele tragische Züge aufwies, wurde für die restlichen 60 Jahre seines Lebens in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen verwahrt.
`Ndrangheta: Italienische Mafia im Kanton Thurgau
Der Ort für den Zyklusabend über die italienische Mafia hätte nicht besser gewählt sein können. Über 30 interessierte Vereinsmitglieder versammelten sich im ehemaligen Obergerichtssaal im zweiten Stock der Kantonsbibliothek, um von Dr. iur. Diego Gfeller mehr über die Mafia im Thurgau zu erfahren. Vor einigen Jahren machte die sogenannte Frauenfelder Zelle der `Ndrangheta nationale Schlagzeilen. Im März 2016 griff die Polizei schweizweit zu und verhaftete unter anderem in Frauenfeld, Sirnach und Matzingen rund 15 als Mafiosi verdächtigte Personen. Überführt wurden die Männer mit Hilfe eines Überwachungsvideos vom Säli des Restaurants «Schäfli» in Wängi. Dort sollen die Männer von Kokain, Heroin und Erpressung gesprochen sowie einen neuen Anwärter mit einem typischen «Taufritual» aufgenommen haben. Die verhafteten italienischen Staatsbürger wurden «wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation» von der Schweiz an Italien ausgeliefert. Dort wurden sie im sogenannten «carcere duro», einem besonders harten Strafregime, festgesetzt.
Gfeller, der in diesem «Mafia-Prozess» einen Mandanten verteidigte hatte, liess das gebannt zuhörende Publikum zum Zeugen einer Gerichtsverhandlung werden. Nach allen Regeln der Kunst zerpflückte Gfeller die Beweislage. Das schummrige Video zeige, so Gfeller, eine Runde von stark betrunkenen Männern, die sich voreinander aufspielten. Nicht nur das Video habe «wenig Fleisch am Knochen», auch die Hausdurchsuchungen hätten keinerlei Beweise für eine Verstrickung seines Mandanten mit der `Ndrangheta ans Licht befördert. Sogar das Bundesamt für Justiz habe in einem internen Bericht Zweifel am Vorwurf der Beteiligung an der Mafia geäussert. Weshalb die verdächtigten Männer dennoch an Italien ausgeliefert wurden, erklärt Gfeller unter anderem mit politischen Motiven: Der Bund wollte sich an diesem Fall die Finger nicht verbrennen, da er bislang keine Erfolge mit Mafia-Verfahren vorweisen konnte. Der Prozess, der erst Jahre nach der Verhaftung erfolgte, fiel schliesslich zugunsten der Angeklagten aus. In zweiter Instanz wurden alle vom Vorwurf der Beteiligung an einer kriminellen Organisation freigesprochen.
Seinen interessanten Vortrag schloss Gfeller mit einem Blick in die Presseberichterstattung ab. Noch bis mindestens 2022 war in den Medien von der Existenz der Frauenfelder Mafia-Zelle die Rede. Dass alle angeblichen Mafiosi freigesprochen wurden, wurde von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen. Der Ausgang der Mafia-Geschichte, der die Erwartungen der Politik und auch der Medien nicht erfüllte, interessierte am Schluss weder die Politik noch die Presse.
Tatort Natur: «Wildlife» im Thurgau
Knapp 20 Vereinsmitglieder waren zum letzten Zyklusabend auf den Iselisberg gepilgert. Urs Maier, Schafzüchter und Schafmilchproduzent, sowie Michael Vogel, Wildtierbiologe und Mitarbeiter der kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung, nahmen die Besucherinnen und Besucher auf dem Hofplatz in Empfang. Es gefiel dem Publikum sichtlich, den zwei Experten bei ihrem kenntnisreichen und anregenden Gespräch zuzuhören.
Im Februar 2017 hatte auf dem Iselisberg ein Wolfsrüde namens M75 mehrere Schafe von Maier gerissen. Es war ein historischer Tag. Nach über 200 Jahren Abwesenheit wurde im Thurgau erstmals wieder ein Wolf nachgewiesen. Nachdem Maier die Tiere entdeckt hatte, benachrichtigte er sogleich die Polizei. Diese sicherte den Tatort und bot Michael Vogel als Experten auf. Für Vogel war schnell klar, dass es sich beim Täter um einen Wolf handeln musste. Er wusste auch, dass kaum ein anderes Tier in der Politik und der Gesellschaft eine solche Polarisierung und Emotionalität provoziert wie der Wolf. Eigentlich sei deshalb am Tatort, so Vogel, eher ein Psychologe als ein Biologe gefragt gewesen. Doch Urs Maier habe ihn völlig verblüfft, als er gesagt habe: «Endlich ist es passiert!»
Urs Maier liebt seine Schafe über alles, und es war für ihn sehr schmerzhaft, seine Tiere auf solch brutale Weise zu verlieren. Als Siebenjähriger bekam er sein erstes Schaf geschenkt. Für Maier war schon lange vor dem Wolfsriss klar, dass es früher oder später im Thurgau zu einem solchen Ereignis kommen musste. Sein Gesuch um einen Herdenschutzhund sei jedoch vom Bund mit der Begründung abgelehnt worden, dass es im Thurgau keine Wölfe gebe. Nach dem Vorfall von 2017 besorgte Maier auf eigene Initiative kaukasische Herdenschutzhunde, sogenannte Owtscharka. Die jüngste seiner fünf Owtscharkas, es sind riesige Bärenhunde mit einem wolfsähnlichen Fell, lernten wir sogar persönlich kennen.
Wer ein heftiges Streitgespräch zwischen einem Nutztierhalter und einem Naturwissenschaftler erwartet hatte, wurde vermutlich enttäuscht. Maier und Vogel sind sich, trotz Differenzen im Detail, einig, dass wir in der Schweiz mit dem Wolf leben müssen. Der Wolf lasse sich, auch wenn man ihn präventiv abschiesse, nicht wieder aus unserer Gegend vertreiben. Gleichzeitig machten Maier und Vogel aber auch deutlich, dass es noch viel braucht, bis sich auch die letzten Schafzüchter oder Nutztierhalter dessen bewusst sind und einen konsequenten Herdenschutz betreiben.
Zum Abschluss lud Urs Maier die Anwesenden in sein hoch über der Thur gelegenes Rebhäuschen ein, wo wir die wunderbare Aussicht geniessen und den interessanten Abend mit köstlichem Schafkäse, Brot und Wein ausklingen lassen konnten.
Laura Glöckler und Verena Rothenbühler
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