Historischer Verein des Kantons Thurgau

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Zyklus 2026: Fremd, vertraut, verwurzelt: Thurgau als (Wahl)Heimat

Veranstaltung 1: Ein Ostschweizer in Afrika
Am Dienstagabend, 26. Mai 2026, eröffnete der Historische Verein Thurgau den dreiteiligen Zyklus «Fremd, vertraut, verwurzelt: Thurgau als (Wahl)Heimat» mit einer Veranstaltung in der Zentralbibliothek Zürich. Unter dem Titel «Ein Ostschweizer in Afrika» beleuchtete Dr. Jost Schmid-Lanter das Leben und Wirken von Alfred Kaiser (1862–1930). Der in Arbon aufgewachsene Kaiser war zunächst als Tierpräparator für Museen und Sammlungen im In- und Ausland tätig und verbrachte mehrere Jahre auf der Halbinsel Sinai. 1896/97 nahm er an der vom deutschen Ethnologen Max Schöller finanzierten und geleiteten Expedition nach Uganda teil. Dabei war Kaiser insbesondere für das Sammeln wissenschaftlicher Daten und für kartographische Aufnahmen zuständig. Anhand verschiedener Zeugnisse zeigte der Referent auf, wie diese Tätigkeit Kaiser den sozialen und beruflichen Aufstieg in der Schweiz ermöglichte, ihn zugleich aber auch zum Nutzniesser einer kolonialistischen Unternehmung machte. Thematisiert wurde zudem seine spätere Tätigkeit als offizieller Handelsagent der Schweiz in Ägypten ab 1909. Die Veranstaltung bot damit Gelegenheit, die Biografie eines Ostschweizers im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Forschung, wirtschaftlichen Interessen, Mobilität und Kolonialismus differenziert zu betrachten.


Veranstaltung 2: Neutral, aber betroffen: Wie der Erste Weltkrieg die Migration veränderte
Am Dienstag, 2. Juni 2026, setzte der Historische Verein Thurgau den Zyklus «Fremd, vertraut, verwurzelt: Thurgau als (Wahl)Heimat» mit einem Vortrag in der Kantonsbibliothek Thurgau in Frauenfeld fort. Unter dem Titel «Neutral, aber betroffen: Wie der Erste Weltkrieg die Migration veränderte» zeigte Dr. Anja Huber auf, welche weitreichenden Folgen der Erste Weltkrieg für die schweizerische Migrationspolitik und insbesondere für die Wanderungsbewegungen zwischen der Schweiz und Italien hatte. Mit dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 war die neutrale Schweiz vollständig von kriegführenden Staaten umgeben. Während vor dem Krieg offene Grenzen und eine vergleichsweise grosse ausländische Wohnbevölkerung die Schweiz geprägt hatten, führten die Kriegsjahre zunehmend zu Kontrollen und Abschottung. Die Angst vor einer sogenannten «Überfremdung» gewann an Bedeutung, und Ausländer gerieten verstärkt ins politische Visier. An die Stelle der weitgehenden Personenfreizügigkeit traten strengere Grenz- und Aufenthaltskontrollen. Der Vortrag machte deutlich, dass diese Entwicklungen weit über das Kriegsende hinauswirkten und Migration auch in den folgenden Jahrzehnten ein zentrales Thema der politischen und gesellschaftlichen Debatte blieb. Der Blick auf den Ersten Weltkrieg zeigte damit anschaulich, wie ein internationales Schlüsselereignis das Verhältnis der Schweiz zu Migration und Zugehörigkeit nachhaltig veränderte.


Veranstaltung 3: Italianità im Thurgau
Am Montag, 8. Juni 2026, fand im Boccia-Club Schönenberg in Schönenberg an der Thur die dritte und abschliessende Veranstaltung des Zyklus «Fremd, vertraut, verwurzelt: Thurgau als (Wahl)Heimat» statt. Unter dem Titel «Italianità im Thurgau» zeichnete Dr. Sabina Bellofalo die lange und vielfältige Beziehung zwischen dem Thurgau und Italien nach. Bereits im Mittelalter gelangten Händler aus den Städten der Apenninhalbinsel in die Bodenseeregion und brachten Waren aus dem Mittelmeerraum über die Alpen. Mit der Industrialisierung und dem Ausbau der Thurgauer Textilindustrie nahm die Zuwanderung aus Italien seit dem späten 19. Jahrhundert deutlich zu. Italienische Arbeitskräfte fanden Beschäftigung in Fabriken, auf Baustellen und in weiteren Betrieben. Während ein Teil von ihnen später nach Italien zurückkehrte, liessen sich andere dauerhaft im Thurgau nieder, gründeten Familien und schufen neue soziale Netzwerke und Vereine. Der Vortrag griff zentrale Themen der «Thurgauer Beiträge zur Geschichte» Nr. 164 «Italiener im Thurgau» auf und zeigte zugleich, dass die italienische Zuwanderung keineswegs immer als kulturelle Bereicherung wahrgenommen wurde, sondern wiederholt Gegenstand politischer Debatten über eine vermeintliche «Überfremdung» war. Aus den vielfältigen individuellen Migrationsgeschichten entwickelte sich über Generationen jene Italianità, die heute als selbstverständlicher Teil des Thurgaus wahrgenommen wird. Beim anschliessenden Apéro Riche bot sich den 26 Teilnehmenden Gelegenheit, die Themen des Abends und des gesamten Zyklus in geselliger Runde weiter zu vertiefen.

  • Dienstag, 26. Mai 2026, 18.30–19.30 Uhr, in der Zentralbibliothek Zürich
  • Dienstag, 2. Juni 2026, 18.30–19.30 Uhr, in der Kantonsbibliothek
  • Montag, 8. Juni 2025, 18.30–19.30 Uhr, im Boccia-Club Schönenberg (inkl. Apéro-Riche)

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