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Eintägige Exkursion 2016 auf Schloss Wildegg und in den Bally-Park Schönenwerd

Er sei der artenreichste Nutz- und Ziergarten der Schweiz, lernt man im Neugarten auf Wildegg, und der Bally-Park sei der artenreichste englische Landschaftsgarten des Landes vernimmt man in Schönenwerd – und mag es an diesem strahlenden, heissen Septembertag aufs Wort glauben. Nach den Strohhüten, Schirmmützen, Kopftüchern und Pickelhauben zu urteilen, die zwischen den Kräutern und Küchengemüsen, Baumgruppen und Sträuchern aller Art als Überraschungseffekte auftauchen, scheint es dank des Besuchs des Historischen Vereins des Kantons Thurgau an beiden Orten sogar der artenreichste Tag des Jahres geworden zu sein.
Der Car war bis auf den letzten Platz mit Jung und Alt – die jüngste Teilnehmerin, Noée, war acht, die älteste, Annemarie, 96 – besetzt, als er am frühen Morgen in Frauenfeld startete. Eins, zwei – und schon war man in Wildegg im Rüebliland, obgleich das Tiefbauamt des Kantons Aargau einen bei Brunegg noch zu einer grösseren Ehrenrunde für den Burger Mändl alias Hermann Burger und seinen Jérôme de Castelmur-Bondo alias Jean-Rudolf von Salis gezwungen hatte. Möglich, dass man gar nie ans Ziel gekommen wäre, hätte Chauffeur Gogo in Lupfig nicht grosszügig über die Signalisation hinweggesehen und seine wertvolle Fracht kurzerhand als leichtgewichtig eingestuft. Um 10 Uhr jedenfalls stieg man in Wildegg aus dem Wagen, lief den Schlossweg hoch und machte sich über die Kaffeemaschine her. Dann wurden die Headsets gefasst (und teilweise zu Pickelhauben umfunktioniert), so dass Dr. Claudia Moll, die Landschaftsarchitektin und Gartenhistorikerin, die schon in Frauenfeld zugestiegen war, loslegen konnte. Was einem dann in die Ohren schloff, waren Informationen und Interpretationen erster Güte.
Es sind in der durch und durch republikanisch geprägten Schweiz nur wenig repräsentative Gärten angelegt worden – und wahrhaft grosse gar keine. Unbestritten, es gibt eindrückliche Bauerngärten: im Bündner- oder Appenzellerland oder im Bernbiet. Doch alle diese Gärten sind nicht nur Zier-, sondern stets auch Nutzgärten: Kohlrabi in Buchs; Fenchel zwischen Tagetes etc. Und selbst auf Wildegg bei den Effingern, die zwischen 1483 und 1912 dort sassen und einen adeligen Lebensstil pflegten, war es nicht anders gewesen: Im Neugarten, der um 1690 von Bernhard Effinger angelegt worden war (aber eigentlich Neuestgarten heissen müsste, weil er um 1990 nach alten Bildquellen wieder rekonstruiert worden ist), findet man Ziersträucher und Blumen und Birnen und Peperoni gleichermassen. 1912 hatte Julie Effinger ihr Erbe der Eidgenossenschaft vermacht mit der Auflage, die Anlage zu erhalten. Das gelang dieser, wie man konstatieren darf, leidlich. Dennoch war man in Bern nicht unglücklich, als es 2011 gelang, sie dem Kanton Aargau zu übereignen.
Für den Zier- und Nutzgarten mögen Ende des 17. Jahrhunderts der Garten des nahegelegenen Schlosses Kasteln oder derjenige der Casa Battista in Soglio (heute Hotel Palazzo Salis) Vorbild gewesen sein – so genau weiss man das aber nicht. In Wildegg ist nicht mehr alles aus dem 17. Jahrhundert vorhanden. So fehlt zum Beispiel der untere Teil der Treppe, die einst vom Garten bis zur Bernstrasse hinunter geführt hatte. Anderes ist, wie gesagt, dank ProSpecieRara wiedererstanden, nachdem es zwischenzeitlich untergegangen war. Kaum zu fassen, was man in dem Garten alles findet und einen mental von den vergleichsweise öden Gemüseauslagen im Supermarkt in die Jugend zurückversetzt, wo man dies und das doch auch noch gesehen und gegessen hatte oder hatte essen müssen. Man fühlt sich sofort wohl in dem Garten und würde, trotz Hitze, gerne bleiben, sich in den Eckpavillons niederlassen, eine von den schönen Birnen stauchen und dann vor sich hin dösen. Doch verspricht Claudia Moll, beim Schloss oben weitere Leckerbissen offerieren zu wollen. Und so steigt man die Treppen wieder hoch. Und als man oben um die Gebäude herumgeht und in die Niederungen von Möriken und Holderbank blickt, glaubt man plötzlich zu wissen, warum Wildegg Wildegg heisst, oh jeh oh jeeh!
Nicht unerwähnt dürfen die vielen stattlichen Linden auf dem Areal bleiben: fast ausnahmslos Gedächtnislinden, die zu bestimmten Familienereignissen – Geburten, Eheschliessungen, Todesfällen – gepflanzt worden sind.
Der Rosengarten neben dem Rebhaus stammt aus der Zeit um 1830, wurde damals allerdings ebenfalls im längst antiquierten barocken Stil angelegt. Seit 2005 wird er von der Gesellschaft Schweizerischer Rosenfreunde gehegt und gepflegt. Verlässt man ihn durch das hintere Tor, gelangt man auf die ebenso schöne wie morbide Eibenallee, die – die Eibe ist ja der Totenbaum par excellence – zu der Grabstätte einer engen Famililenfreundin der Effinger führt. Dort ergreift einen dann aber doch das Grausen – und man ist nicht unglücklich, als Claudia Moll zum Aufbruch einlädt. Ohnehin knurrt der Magen. Doch muss man nicht lange leiden, denn wiederum ist man eins, zwei in der „Brücke“ in Niedergösgen bzw. unter der mächtigen Linde unmittelbar am Aareufer, wo man es sich bei Speis und Trank und Palaver gut er-gehen lässt.
Gesättigt und erholt macht man sich am Nachmittag zu Fuss in den nahegelegenen Bally-Park auf. Er soll von dem sozial aufgeschlossenen Carl Franz Bally in mehreren Etappen für die Belegschaft seines stark wachsenden Elastikband- und Schuhimperiums angelegt worden sein. An dieser Geschichte ist nach Claudia Moll so viel richtig, dass Bally seiner eigenen Familie, den Geschäftskunden und seinen Angestellten tatsächlich etwas bieten wollte, während die Fabrikarbeiter in der spärlichen Freizeit sich wohl weniger im Park ergingen als dass sie ihren kleinen Pflanzblätz in der Arbeitersiedlung, in der sie wohnten, bewirtschafteten, um den Speisezettel etwas aufzupolieren. Gleichwohl war Bally eine aussergewöhnliche Unternehmernatur, und die Gemeinnützigkeit ist seinen vielen Initiativen durchaus nicht abzusprechen. Auch seine Erben handelten ähnlich, als sie 1919 nach Plänen von Karl Moser ein gewaltiges Kosthaus errichten liessen, in dessen Hochparterre sich die Kantine für die Arbeiter und in dessen erster Etage sich die Essräume für die Angestellten befanden.
Der Park selber wurde 1868/69 angelegt und 1890 bedeutend erweitert. Die erste Etappe erfolgte in Zusammenhang mit dem Bau eines Fabrikkanals, der zweite in Zusammenhang mit der Korrektur der Aare. Beide Male kam Bally ausserordentlich günstig zu viel Land, das er in einen weitläufigen Park in englischem Stil umwandeln und mit vielerlei botanischen und architektonischen Überraschungen ausstatten liess. So findet man auf dem Gelände nicht nur einen Fruchtspeicher, der damals aus einem nahe gelegenen Ort in den Park versetzt wurde, sondern auch einen chinesischen Pavillon, eine Grotte und eine Pfahlbausiedlung im Massstab 1 : 2 – ein Trick, der den Park an jener Stelle um einiges grösser erscheinen liess, als er in Wirklichkeit ist (wobei die 100‘000 Quadratmeter, die er misst, ja auch nicht nichts sind).
Nachdem das Bally-Imperium ab den 1970er-Jahren Schritt für Schritt niederging und die Schuhproduktion von einer amerikanischen Nachfolgefirme im Jahr 2000 ganz eingestellt wurde, wurden Teile des ausgedehnten Fabrikareals häppchenweise verhökert. Das Kosthaus ging an einen Besitzer, der das Innere zum Schloss im Schicki-Micki-Stil umgestaltete: mit viel Marmor, Messing und Spiegeln; dort gibt es jetzt einen Event-Room. Der Park konnte glücklicherweise unbeschadet gerettet und der Öffentlichkeit erhalten werden. Seit 2001 gehört er den Gemeinden Schönenwerd, Gertzenbach und Niedergösgen. Er steht unter kantonalem Denkmalschutz, ist bestens unterhalten und ein Anziehungspunkt erster Güte. 2016 erhielt er den renommierten Schulthess Gartenpreis.
Auch die Teilnehmer der Exkursion konnten sich dem Zauber der völlig durchgestalteten und doch so natürlich erscheinenden Anlage mit ihrem gekonnten Spiel mit Licht und Schatten nicht entziehen. Der Park mit seinen wunderbaren alten Bäumen ist von majestätischer Schönheit. Die Ausführungen von Claudia Moll aber waren, wie zuvor schon in Wildegg: von grösster Sachkunde und kritischem Geist geprägt. So rundete sich alles zu einem Tag voller Vergnügen und Belehrung – gekrönt von einem von den Organisatoren herbeigeschleppten Arbeiter-Zvieri im chinesischen Pavillon.
Dank zu sagen galt es nicht nur Claudia Moll – was mit einem ausserordentlich lang anhaltenden Applaus erfolgte –, herzlich danke zu sagen gilt es an dieser Stelle auch noch den Reiseleitern Verena Rothenbühler und Adrian Oettli. Sie hatten die Exkursion perfekt geplant und geleitet – und dafür gesorgt, dass man der versierten Führerin dank modernster Technik stets aufs Wort folgen konnte, selbst wenn man sich – wie es der Berichterstatter mehrmals getan hat – gelegentlich weitab in die Büsche schlug oder gruppenferne Gemüsebeete und Birnenspaliere abschritt.

André Salathé

 

 

Unterlagen

Ausschreibung Exkursion_2016.pdf