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Exkursion 2018 an den Vierwaldstättersee und auf den Gotthard

01.09.2018 | 02.09.2018 | Zentralschweiz

Der Hitzesommer 2018 legte gerade eine kurze Pause ein, als die 28 Exkursionsteilnehmer mit ihren beiden Leitern vom ebenso jungen wie versierten Fahrer der Firma Apfelcar Märstetten durch den regenverhangenen ersten Septembermorgen nach Luzern chauffiert wurden. Und so standen sie dann nach knapp zweistündiger Fahrt vor der Kapellbrücke unter ihren Regenschirmen und liessen sich von Adrian Oettli an diesem historischen Objekt den vom französischen Historiker Pierre Nora geschaffenen Begriff des „Erinnerungsortes“ erklären. An der Kapellbrücke ist – abgesehen von einigen Bildtafelfragmenten – nichts mehr wirklich alt, schon gar nicht mittelalterlich, und trotzdem ist diese gedeckte Holzbrücke das Lieblingsdenkmal der Schweizer. Vom Brückenbau im 14. über die Verfertigung der Bildzyklen im 17. bis zum Brand und zur Rekonstruktion im 20. Jahrhundert widerspiegelt das Bauwerk nicht nur den Lauf und die Verwerfungen der Geschichte, sondern in den Bildern und in ihren gereimten Bildlegenden auch die Interpretation derselben. Es gelang Adrian hervorragend, gerade auch anhand der bis heute andauernden Diskussionen um den Ersatz der 1993 verbrannten Bildtafeln klar zu machen, dass hinter einem Erinnerungsort immer unterschiedliche Akteure stehen, die sich um dessen Deutung kümmern und gelegentlich streiten.
Ein schmackhaftes Mittagessen erwartete uns auf dem Schaufelraddampfer „Stadt Luzern“. Just auf diesem Schiff war 1940 auch der General mit seinem Armeestab zum Rütli unterwegs. Der Historische Verein durfte sich auf der Fahrt dorthin zudem von den Klängen des Jodelclubs „Edelweiss“ Untersiggenthal auf den helvetischen Wallfahrtsort einstimmen lassen. Allfällige patriotische Überhitzungen kühlten nicht nur die Regentropfen herunter, sondern auch die mythenkritischen Ausführungen Romed Aschwandens, des Kurators des Tellmuseums in Bürglen. Dieser erläuterte nicht nur die (auch nicht mehr ganz taufrischen) Erkenntnisse von Roger Sablonier zu den Gründungsdokumenten des Bundes der drei Waldstätte und zum umstrittenen Datum 1291, sondern begleitete uns anschliessend über den See zur Tellskapelle und erklärte fachkundig den vom Basler Maler Ernst Stückelberg 1879/80 geschaffenen 4-teiligen Freskenzyklus. Eine Tellskapelle ist zweifelsfrei schon vorreformatorisch bezeugt, die erste chronikalische Erwähnung von 1388 liess Aschwanden jedoch nicht gelten, da der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber sein Weisses Buch ja nicht vor 1470 geschrieben habe. Der Berichterstatter erlaubt sich hier den Zwischenruf, dass Schriber die Tellsgeschichte nicht einfach erfunden, sondern vorgefunden haben könnte und dass man als Historiker, um mit Hubert Mordek zu sprechen, der Überlieferung auch eine Chance geben sollte, Recht zu behalten.
Auf dem Gotthard erwartete uns – nach einer Begrüssung und kurzen Einführung durch Herrn Eusebio, den Hausherrn des Hospizes – ein gutes Nachtessen in der kulinarischen Tradition des Kantons Tessin, auf dessen Boden wir uns nun befanden. Vom Süden her hellte sich am Morgen der Himmel auf, und für ein Weilchen wärmte uns die Sonne, bevor wir uns auf den Marsch in die Kavernen der Gotthardfestung begaben. Zwei Mitarbeiter des Museums Sasso San Gottardo führten die Teilnehmer in zwei Gruppen durch die bis in die 1990er-Jahre militärisch genutzten Felsen¬kammern. Das Artilleriegeschütz, das direkt auf den nach Italien führenden Passo San Giacomo gerichtet war, konnte von aussen wie vom Berginnern her bestaunt werden. Mehr noch als die ballistischen Informationen beeindruckte der vom Guide mitgelieferte historische Kontext: Mussolini hatte den Säumerpfad auf jenen Pass panzergängig ausbauen und auf der Passhöhe zwei Eisenbahnwagons auf Säulen stellen lassen. Von dort aus blickte man 1940 in die italienischsprachigen Gebiete, welche nach der Eroberung der Schweiz durch die Achsenmächte dem faschistischen Italien zugefallen wären …
Nach einem relativ hastig eingenommenen Mittagessen erwartete uns in der Schöllenen Bänz Simmen aus dem Urserental. Da war die Sonne längst verschwunden. Aber der hier übliche starke und kühle Wind liess das rhetorische Feuer des „Urschemers“ erst recht entfachen. Sein fulminanter Überblick durch 2000 Jahre Geschichte von Gotthardpass und Urserental erlaubte nicht zuletzt Rückschlüsse auf die Gemütslage einer nach dem Rückzug der (jahrzehntelang für Brot und Arbeit zuständigen) Armee wieder auf sich selbst, den Tourismus und Samih Sawiris zurückgeworfenen Talbevölkerung. Die so lebendig erzählten Geschichten und Legenden vom Bau der Teufelsbrücke im Spätmittelalter und den Strapazen der Armee des russischen Generals Suworow im September 1799 bei der Überwindung der Schöllenen hallten im Kopfe noch nach, als wir schon wieder im warmen Car und dann in Altorf bei Kaffee und Kuchen sassen.
Vor dem Wilhelm-Tell-Denkmal in Altorf und anhand der Geschichte dieses Monuments rundete Philipp Sauter unsere Erkenntnisse in Sachen Memorialkultur ab. Dass die Reise zu den Innerschweizer Erinnerungsorten ihrerseits in guter Erinnerung bleiben wird, ist nebst dem sicheren Busfahrer in erster Linie den Planern und Begleitern dieses Ausflugs zu verdanken: Adrian Oettli, Philipp Sauter und dem am Samstag kurzfristig eingesprungenen Peter Erni.

Hannes Steiner

 

 

Unterlagen

Ausschreibung Exkursion 2018.pdf

 

Anmeldung

Die Exkursion hat stattgefunden.