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Zyklus 2015: Thurgauer Höhen und Tiefen

Güttingen, 27. Mai

Eigentlich war der Abend ja einem Tiefpunkt gewidmet, weil das Kies schliesslich aus der Tiefe herausgehoben werden muss - und dann standen wir doch zuoberst! Die knapp 20 Personen, die sich bei frühsommerlichem Wetter im Hafen von Güttingen versammelten, um den Kiesabbau und -transport auf dem Bodensee kennen zu lernen, wurden von Hansueli Egloff nämlich auf das Sonnendeck der „MS Raiffeisen“, des firmeneigenen Ausflugschiffs, gelotst. Von hier oben liess sich das Areal des Privathafens der Firma E. Müller & Co. AG bestens überblicken: die Flotte der Kiesschiffe „Thurgovia“, „Helvetia“, „Mary“ und „Klipper“, das Brecherhaus und natürlich den alten Kran. Dieser steht breitbeinig auf zwei Schienen, während die Katze in der Höhe hin und her tigert und mit ihrer tonnenschweren Schaufel die Kiesschiffe entlädt und das Kies zur weiteren Verarbeitung herumbugsiert. Dazu berichtete Hansueli Egloff in einem angeregten Gespräch mit den Teilnehmenden vom schweren Stand der Kiesschiffer, von Auflagen und Ausgaben, aber auch von der Hoffnung, dass der Firma mit ihrer fast 100jährigen Geschichte trotz schwierigen Bedingungen noch eine weite Zukunft bleibt.


Sirnach, 24. Juni

Nicht ganz hoch, zum neuen Aussichtsturm oberhalb von Sirnach, mussten die 25 Besucherinnen und Besucher mit ihren Sonnenbrillen und -hüten, weil die Hochwacht in Sirnach eben nicht dort oben gestanden hat. Das machte Andrea Bader ebenso engagiert wie einsichtig klar. Etwas tiefer standen sie also, die Wachhütte für die Wachmannschaft, die Stütze in Galgenform für die Harzpfanne, das Dreibein aus Baumstämmen für das Feuer. Wo heute ein Wohnquartier an erhöhter Lage liegt, war zwischen 1619 und dem 19. Jahrhundert die Hochwacht als Teil eines visuellen Alarmsystems mit akustischer Unterstützung durch Mörser- und Musketengeknalle. Betrieben wurde sie aber natürlich nur in gefährlichen Zeiten.
Andrea Bader konnte aus reichem Wissen schöpfen. Seit über 10 Jahren beschäftigt sie sich mit Hochwachten im Allgemeinen und der Sirnacher Hochwacht im Speziellen. Was als Protest gegen ein Bauprojekt begann, führte zu ausgiebigen Recherchen, die nicht nur das Bauprojekt zu Fall brachten, sondern den Teilnehmenden nun einen vergnüglichen, interessanten und lehrreichen Abend bescherten.


Arenenberg, 30. September

Hoch auf dem Arenenberg reagierten die 20 Besucherinnen und Besucher zunächst etwas perplex, als sie von Barbara Fatzer in die Küche befohlen wurden. Ob Thurgauer Chost ein Hochgenuss oder ein kulinarischer Tiefpunkt sei, das lag nun an ihnen. Sofort begann ein emsiges Treiben. Die einen hobelten Gurken, Rettiche und Tilsiter für die «Lumpensuppe», ein Salat und keine Suppe wie der Namen vermuten lässt. Die anderen kümmerten sich ums Fleisch: «Chachelifleisch», ein apartes Gericht aus Rindsplätzli im gusseisernen Topf geschmort und in der Variante von Zwiebeln und Äpfel begleitet. Eine andere Gruppe schnetzelte buntfarbige Krautstiele, die nach dem Kochen mit Paniermehl bestreut in den Backofen wanderten. Vor dem Essen machte Barbara Fatzer mit der bereits sehr angeregten Schar eine kleine Tour d’Horizont durch die Thurgauer Küche von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Das Essen, das auf den Tisch kam, war famos. Und als zur Nachspeise eine «Süssmostcreme Rosemarie» serviert wurde, war es für einen kurzen Moment andächtig still. Dieser Abend war ein Höhepunkt der besonderen Art.


Amriswil, 21. Oktober

Der Veranstaltungsort für den Vortrag des Journalisten Thomas Wunderlin über die sog. Löw-Affäre hätte besser nicht sein können, denn die rund 40 Interessierten sassen im Amriswiler Ortsmuseum inmitten zahlreicher Objekte aus der Hinterlassenschaft der Schuhfabrik Löw. Die Steueraffäre begann im Jahr 1951 mit dem Zugriff der eidg. Steuerverwaltung auf die Räumlichkeiten der Schuhfabrik Löw in Oberaach und schlug mediale und politische Wogen nicht nur im Thurgau, sondern schweizweit.
Mit einer akribischen Chronologie der Ereignisse von der Beschlagnahmung der Steuerakten, über die Reaktionen und Interventionen, bis hin zu den politischen Folgen namentlich für Nationalrat Alfred Müller zeigte Wunderlin, wie sich aus dem vermeintlichen Kavaliersdelikt der Steuerhinterziehung durch Fehleinschätzungen und Überschätzungen letztlich ein Skandal entwickeln konnte, der die Medien und die Gerichte beschäftigte und die Gemüter erhitzte. Dabei zeigte sich auch, dass diese Geschichte reich an Höhe- und Tiefpunkten war, manchmal auch beides gleichzeitig - je nach Perspektive.


Verena Rothenbühler, Urban Stäheli

 

Unterlagen

Ausschreibung Zyklus 2015.pdf