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Zyklus 2010: Konfessionen im Thurgau

Über das konfessionelle Zusammenleben im Thurgau wissen die älteren Jahrgänge noch allerhand Geschichten zu erzählen. Und sie taten es im Rahmen des traditionellen Zyklus denn auch immer wieder.
Der Zyklus war dieses Mal dreiteilig:

Mittwoch, 2. Juni 2010: Sirnach

Versammelt wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gemeindezentrum der Freien Evangelischen Gemeinde Sirnach an der Winterthurerstrasse 22, wo Verena Rothenbühler gegen das nass-kalte Wetter antrat und sonnig-fröhlich in das Thema des Zyklus’ einführte.
Dann stellte Pastor Beat Oswald die FEG Sirnach vor, die ein respektabel grosses Einzugsgebiet aufweist, aber durchaus mit Problemen zu kämpfen hat, die auch die Landeskirchen kennen. Und jedenfalls ist es nicht mehr einfach gottgegeben, dass ihre Veranstaltungen und Gottesdienste konstant Zulauf haben, sondern auch bei den Freikirchen gibt es einen Markt sich konkurrierender Gemeinden – dieser und anderer Denominationen. Dass die Gotteshäuser der Freien Evangelischen Gemeinden oft an stark frequentierten Verkehrsachsen liegen und eher selten im Kern einer Ortschaft, hängt damit zusammen, dass die finanziell eher schlecht gestellten Gemeinschaften anfangs in günstig erworbenen ehemaligen Gewerbebauten zusammenkamen; erst nach und nach erwuchsen daraus jene markanten Gebäudekomplexe, als die sie sich heute präsentieren. Dabei nahm der Versammlungsraum immer mehr kirchenähnliche Züge an, während die Gebäude sonst eher an Schulhäuser mit Gruppenräumen ohne Zahl erinnern.
Sirnach ist einer jener Orte im Thurgau, wo bei der Auflösung des paritätischen Verhältnisses in den 1930er-Jahren die Katholiken den althergebrachten Kultort zu behaupten vermochten, während die Reformierten abziehen mussten, jedoch oberhalb des Dorfes an unübersehbarer Stelle eine neue Kirche (Weideli und Eberli, Kreuzlingen) errichteten. Interessant ist nun, dass die Katholiken auf die neue Sachlichkeit der Evang. Kirche bei der Renovation ihres Gotteshauses mit einer geradezu protestantisch wirkenden Kargheit antworteten – und jedenfalls ist es frappant, wie ähnlich sich die beiden Gotteshäuser heute in vielem sind. Vielleicht war die bisherige paritätische Kirche dafür auch geradezu prädestiniert, war sie doch eines jener ganz wenigen Gotteshäuser gewesen, die sogar als paritätische Kirche neu gebaut worden waren (Johann Joachim Brenner, Frauenfeld, 1873/74). Behindert durch Regengüsse und verschlossene Türen zeigte Denkmalpflegerin Bettina Hedinger diese und weitere Zusammenhänge auf.
Der Landschaftsarchitekt Martin Klauser führte sodann über die beiden Friedhöfe und überraschte die Teilnehmenden zunächst mit dem Hinweis, dass das Missionskreuz des unteren Sirnacher Friedhofs genau auf der Achse steht, die von der Mitte der Zugangstreppe zur katholischen Kirche zum Turm der evangelischen Kirche führt – als ob es etwas abzuwehren gäbe. Schon etwas mehr als frappiert waren die Anwesenden, als Klauser in Erinnerung rief, dass die Friedhöfe aus der Sicht der Kirchen Kultur- und Kultorte seien, während sie aus dem Blickwinkel der seit der Bundesverfassung von 1874 an sich allein zuständigen kommunalen Behörden nichts anderes als Entsorgungsstätten seien. Da schluckte zwar manch einer einmal kurz leer, dass Klauser recht hatte, wurde im Verlauf der weiteren Führung jedoch Schritt für Schritt klar: Dass seit dem Gesundheitsgesetz von 1985 nicht mehr die Erdbestattung die Regel ist, sondern die Kremation, hatte auch auf das Sirnacher Bestattungswesen sichtbare Auswirkungen. Zwar gibt es hier immer noch zwei Friedhöfe, den „unteren“ und den „oberen“ – wobei der untere faktisch katholisch, der obere eher nur protestantisch ist –, doch sind auf beiden Friedhöfen die Urnengräber und die Gemeinschaftsurnengräber klar im Vormarsch. Dass selbst das Sirnacher Priestergrab vom Gotteshaus relativ weit entfernt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gemeinschaftsgrab neu angelegt wurde, ist bemerkenswert – und zeigt vielleicht mehr als anderes, dass in dieser Kirche Bewegung ist. Umgekehrt gibt es auf dem oberen Friedhof eine Urnenwand, die recht „unprotestantisch“ in die Rückwand der Kirche eingelassen ist. So darf man feststellen, dass sich die althergebrachten, durchaus unterschiedlichen Bestattungsformen und -bräuche der beiden Konfessionen in jüngster Zeit unter staatlichem Einfluss mehr und mehr annäherten, ja vermischten.


Mittwoch, 16. Juni 2010: Bussnang

In Bussnang, wo man sich am Tag des 1 : 0-Siegs der Schweizer Jungs über die Spanier versammelte, springt die Entwicklung, die das schon erwähnte Gesundheitsgesetz von 1985 ausgelöst hat, recht eigentlich ins Auge. Hier war mit dem Neubau der katholischen Kirche in den 1930er-Jahren auch ein katholischer Friedhof angelegt worden; er stiess unmittelbar an den bisherigen paritätischen und nunmehr protestantischen Friedhof an – immerhin durch eine Mauer getrennt. Während die Toten ab den 1930er-Jahren also zunehmend auseinander zu liegen kamen, bettet man sie seit den frühen 1990er-Jahren, als die Mauer teilweise abgebrochen wurde, unter kommunalem Einfluss wieder zusammen: auf einem Erdbestattungsfeld mit uniformen Grabsteinen, auf einem Einzelurnenfeld mit uniformen Grabkreuzen, in Reihenurnengräbern mit uniformen Namentafeln und in einem Gemeinschaftsgrab, wo die Asche zusammengeschüttet wird – in einer Art „Badewanne“, wie sich ein katholischer Pfarrer, der an den drei Führungen teilnahm, ausdrückte. Wie schon in Sirnach wies Martin Klauser mit Geschick auf verschiedene Details hin und öffnete damit die Augen für fundamentale gesellschaftliche Prozesse, die sich in ihnen spiegeln. Spätestens beim Anblick dessen, was sich dem katholischen Priestergrab gegenüber befindet, wurde den Teilnehmenden auf eine heitere Weise klar, dass Klauser mit seiner These von der Entsorgungsfunktion des Friedhofs eben doch recht hat.
Die Kunsthistorikerin und Fussballexpertin Cornelia Stäheli ihrerseits zeigte zuerst die ehemalige paritätische und jetzige evangelische Kirche, die ihrer Ansicht nach in jüngster Zeit immer mehr museale Züge verpasst bekam – was man besonders im Chor sehen kann, wo sowohl das katholische Sakramentshäuschen wiederhergestellt als auch Epitaphe angebracht wurden. Auch schon museal ist – dieser Seitenhieb kann sich der Berichterstatter nicht verkneifen – die furchtbare Deckenbeleuchtung aus der Zeit, als in den Illustrierten noch ganzseitig für Wohnwände geworben wurde. Dass in den 1930er-Jahren im Bauernort Bussnang diese und keine andere katholische Kirche errichtet wurde, ist erklärungsbedürftig. Unbestritten – mit Leonhard Rubischum war eine starke Pfarrerpersönlichkeit da. Aber das Bauwerk war auch Teil jener zweiten von drei Kirchenbauwellen, die der dank wirtschaftlichem Erfolg und ausländischer Zuwanderung erstarkte Schweizer Katholizismus in der 1900er-, 1930er- und 1960er-Jahren verwirklichte. Dass sich die Katholische Kirche jener Mittel bediente, die die von ihr verteufelte und bekämpfte Moderne hervorbrachte – hier in Bussnang steht ein eindrückliches Beispiel. Übrigens nicht zufällig gleich prominent placiert wie die evangelische Kirche. Dass im Inneren der Kirche die Modernisierung der Liturgie im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils dann eher zu Verunklärungen geführt hat, gehört wohl zur Ironie der Geschichte.
Wie schon in Sirnach verband die durch den Sieg der Schweizer Jungs merklich aus dem Häuschen geratene Verena Rothenbühler virtuos, was Stäheli und Klauser dargelegt hatten, so dass man belehrt und unterhalten abzog.


Mittwoch, 30. Juni 2010: Amriswil

Nicht ganz gleich, aber in vielem ähnlich liegen die Dinge in Amriswil, wo Verena Rothenbühler, am spielfreien Abend vom Druck der WM befreit, einleitend auf die schier unermessliche Vielfalt auf den Thurgauer Friedhöfen hinwies.
Zunächst führte Martin Klauser über den ursprünglich zwar von den Reformierten angelegten, relativ früh dann aber kommunal geprägten Friedhof bei der evangelischen Kirche. Das anfängliche Quadrat, das von der Kirche durch eine Mauer getrennt war (und ist), wurde im Lauf der Zeit mehrmals erweitert. Für thurgauische Verhältnisse bedeutend ist das Kolumbarium aus dem Jahr 1938, jene das Gelände terrassierende Arkade mit Nischen für Urnen. Das regionale Vorbild dafür befindet sich auf dem Friedhof Feldli in St. Gallen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum dortigen Krematorium. Während Klauser zunächst die Geschichte der Kremation rekapitulierte, wies er die Zuhörerschaft anschliessend vor einer später realisierten Urnenwand darauf hin, dass die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft solche neueren Formen der Bestattung offenbar bereits wieder unattraktiv mache; auch bei uns seien die Kremationen jedenfalls wieder rückläufig.
Die von August Hardegger in neugotischem Stil realisierte evangelische Kirche Amriswil kennt im Thurgau fast jedermann. Wie es dazu kam, dass Ende des 19. Jahrhunderts die kleine alte Kirche am Markplatz durch dieses imposante Gebäude ersetzt wurde, erklärte Bettina Hedinger. Die Industrialisierung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Amriswil zu einem Textilort ersten Ranges machte (Laib, Sallmann, Hess, Tuchschmid u. a.) liess die Bevölkerung sprunghaft anwachsen. Allerdings nicht nur die reformierte, sondern – namentlich durch italienische Immigration – nach und nach auch die katholische. So wurde Anfang des 20. Jahrhunderts ein katholischer Kirchenbauverein gegründet, der 1911 an der Alleestrasse eine katholische Notkirche (Curiel und Moser, Zürich) errichten liess, die heute noch steht und aus konfessionsgeschichtlicher Sicht als besonders schützenswert erscheint. 1937 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft dann die neue katholische Kirche (Paul Büchi, Amriswil) eingeweiht – wie die Kirche in Bussnang ein herausragender Zeuge der zweiten katholischen Kirchenbauwelle in der Schweiz. Die von Bettina Hedinger etwas (zu) zaghaft vorgebrachte These, die Reformierten hätten bei der Umgestaltung des Innern ihrer Kirche im Jahr 1938 das Innere der eben in Betrieb genommenen katholischen Kirche kopiert, kann der Berichterstatter nur unterstützen. Vielleicht waren die 1930er-Jahre sogar der Kulminationspunkt mit dem Kulturkampf ab 1870 eine besondere Qualität gewinnenden konfessionellen Auseinandersetzungen im Thurgau: Kulminationspunkt in dem Sinne, dass die reformierte Kirche die Modernität der (den Modernismus an sich ja ablehnenden) katholischen Kirche zu kopieren beginnt – bevor das ganze Konkurrenzverhältnis in den 1960er-Jahren erodieren sollte.

Wie dem auch sei, anregend war der Zyklus allemal. Dank den drei gut ausgewählten Beispielen Sirnach, Bussnang und Amriswil; dank der frischen und teilweise mutigen Art, wie Verena Rothenbühler, Martin Klauser, Cornelia Stäheli, Beat Oswald und Bettina Hedinger ihre Sache vortrugen und dank der Diskussionsfreudigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht wenig dazu beitrugen, dass der Zyklus allgemein als gelungen taxiert wurde. Die Zyklen des Historischen Vereins erheben ja nicht den Anspruch, hinten und vorne gesichertes Wissen zu vermitteln, sondern Geschichte als ein Feld von Fragen zu präsentieren, die es zunächst einmal zu formulieren gilt.